Armin Steigenberger RAW CUT fleck

dritter teil

 

denn das ist mir klar, dass das die fortgeworfenen sind, nicht nur bettler; nein, es sind eigentlich keine bettler, man muss unterschiede machen. es sind abfälle, schalen von menschen, die das schicksal ausgespien hat. feucht vom speichel des schicksals kleben sie an einer mauer, an einer laterne, an einer plakatsäule, oder sie rinnen langsam die gasse hinunter mit einer dunklen, schmutzigen spur hinter sich her.

<r.m. rilke, die aufzeichnungen des malte laurids brigge>

1 gerbera

 

fleck ging den weg zu dem ihm wohlbekannten haus mit vorsichtigen und beinahe schweren schritten; den blick hinabgesenkt auf die rötlich gesprenkelten pflastersteine. er überlegte, ob er nicht doch einen blumenstrauß hätte besorgen sollen; ein mitbringsel wenigstens, ganz frühlingshaft. aber verlogen. ja, verlogen! dachte fleck grimmig. ob sie wohl zuhause sind?

leise zog er die klinke der gartentüre herunter. er zögerte im ankommen, ging mit mühevollen schritten. dann wurde ihm einen augenblick lang fast übel. als er sich endlich einen stoß gab, sich zur vernunft ermahnend, und den klingelknopf drückte, fühlte er schlagartig große sinnlosigkeit. er war wie abgekühlt.

die mutter öffnete die tür. jetzt – gab es kein entrinnen mehr. ihr gesicht wie immer, die gesunde gesichtsfarbe, die vielen fältchen, dann ein verstörtes blicken, fast ein lächeln –

der duft aus dem haus kam ihn an, den fleck so oft genossen hatte. so gern hatte er das gerochen! es war ein süßer geruch, vermischt mit etwas herbem, wie gut gereifte äpfel, deren haut schon runzelig geworden war.

er sah ins braun ihrer augen, die leicht verdutzt aufhellten, ein wenig irritiert, aber erfreut von seinem unangekündigten besuch. sogleich setzte die mutter ein strahlendes lächeln auf.

plötzlich fühlte fleck ihn wieder: den block im hals, dunkel und meerhaft und schwer. seine augen ruhten auf den ihren, er fühlte wärme und sympathie, sah das erstaunen; sie sagte etwas zu ihm, er verstand es nicht. fleck ermahnte sich, seine ohren jetzt aufzusperren; er sei da, um die sache gerade zu richten. er stand einen augenblick in sich selbst wie in einem dunklen schacht, völlig abgeschnitten von der außenwelt.

etwas wie <hallo fabian!> hatte sie wohl gesagt, er hatte es nicht gehört (er hörte so etwas nie), er überhörte es grundsätzlich und ging grußlos hinein ins haus, mit schwerem blick, beladen, vorbei an der erstaunten mutter, die ihm bereitwillig zur seite wich. bestimmt hatte die mutter <hallo fabian!> gesagt (so hieß er da draußen) sie hatte es wohl immer gesagt und er hatte es kein einziges mal wahrgenommen, auch dieses mal nicht. auch das gesicht des vaters tauchte verdutzt im türrahmen auf: er ließ sein weniges haupthaar und einen sehr kritischen blick sehen, bevor er sich umdrehte.

<wo kommst du her?> fragte die mutter – selber fast erschrocken über die direktheit ihrer frage – und schob: <komm doch erst herein!> in beflissener hausfrauenmanier hinterher, die fleck, der einen kalten stein mit sich trug, fast zuwider war.

<komm setz’ dich.> umwarb ihn die mutter. auf dem tisch standen frische schnittblumen: gelbe tulpen und rote gerbera inmitten von außerordentlich viel farn. ein duft von sojaöl drang aus der küche.

tausend gedanken durchzuckten ihn, während er umständlich hineintrat in die gute stube. seine linke hand war in aufruhr und zeigte ein wenig seinen inneren zustand; ein feiner duft nach tee strich ihm an die nase; die katze (die alte Musch), schmiegte sich ihm weich um die beine. so heimelig; und gleichzeitig war ihm nicht wohl. mutlos nahm er platz, bekam sogleich eine tasse hingestellt.

sein blick verirrte sich durch die gardinen hinaus in den garten. erinnerungen zogen ihn fort: auf diesem sofa waren sie gesessen, emmy und er; und im obergeschoss war emmys zimmer; und nun saß er hier. er atmete wie unter einer zentnerlast. die mutter blickte ihn ungeduldig an.

<wie geht es dir?>

wie er dieses palaver hasste. fleck schwieg einen moment mit unveränderlichen gesichtszügen. die mutter blickte ihn besorgt an. er hatte keinen blumenstrauß bei sich.

<emmy ist nicht da>, sagte sie schnell.

fleck schlug den blick nieder. er nahm den tee, der schwarz und stark war.

fleck blieb stumm. er konnte eigentlich nicht sprechen oder hatte oft die fantasie, dass – wenn er seinen mund öffnete – nur scherben aus seinem mund fallen würden: gebrochenes bläuliches glas.

fleck saß äußerlich ganz ruhig, doch in ihm tobte die aufregung. er war nicht zum teetrinken hier. fast bohrte die wut in ihm. als die mutter aus verlegenheit ein paar der gängigen fragen stellte (wie es ihm ginge und ob es ihm wirklich gut ginge), fing er leise und wie unter höchstspannung vibrierend zu reden an, doch blieb er sehr karg in seinen ausführungen. das nebensächliche: das war kein sprechen. teegespräche: das war wie ein- und ausatmen.

durch die halb geöffnete tür zur diele sah er den vater, der dort umständlich auf und ab ging, um zu lauschen, und doch nicht herein kam.

<komm’ rein, fred>, bat die mutter.

da fleck von sich aus mit keinem wort mit dem grund seines kommens herauskam, erzählte die mutter mit gespielter harmlosigkeit von ihren erfolgen im sprachkurs, ein wenig familiäres, ein paar anekdoten aus der nachbarschaft.

fleck hörte es so gut wie nicht. er blickte gebannt auf das muster des teppichs. auch emmys vater hatte nun still platz genommen. fleck neigte sich zum wohnzimmertisch, um seinen tee zu schlürfen, blickte auf die rotweißen servietten, die dort lagen, und die drei schnapsgläser, die wohl von einem essen noch zurückgeblieben waren. erst jetzt hörte er leise den laufenden fernseher im flur. licht fiel durch das panoramafenster.

fleck blickte seine füße an, wie sie sich in behaglichen schuhen auf dem teppich streckten: feindliches territorium. ob er jemals nach diesem gespräch hier wieder eine sohle aufsetzen würde? durchzuckte es ihn kurz.

<emmy hat uns erzählt, du seist vor einigen tagen auf und davon?> klinkte der vater sich mit fast barscher stimme ins gespräch ein. <sie habe nicht herausfinden können, wo du gerade warst und wie es dir ginge. geht es dir im moment nicht gut?>

<doch>, presste fleck hervor.

der vater blickte ihn ungläubig an. fleck mochte seine stechenden durchdringenden augen nicht.

<warst du bei freunden?>

<nein.>

<bist du gekommen, damit wir dir helfen? fehlt dir was?> gab sich der vater hilfsbereit.

<wisst ihr>, begann fleck nach einigem zögern, <es ist so, dass ich emmy wirklich ... im gedächtnis behalten will. sie ist ein großartiger mensch. sie –>

flecks mundwinkel zogen sich nach unten, etwas bitteres umgab sie. die eltern blickten sehr verstört. es war gespenstische ruhe eingekehrt. selbst die katze blieb im herumstreunen plötzlich erschrocken stehen. es gab keine fortsetzung für diesen begonnen satz.

<wir haben uns sehr geliebt ...>

der vater lachte hell auf. fleck registrierte es kaum.

<es ist ... ich konnte nicht anders!>

beide eltern schüttelten den kopf. der fernseher brachte fröhliche werbeklänge herüber, animierende melodien, irritierend in ihrer beiläufigkeit. der vater stellte seinen tee ab.

<du wirst deine gründe haben.> sagte der vater mit eisiger monotonie. die augen der mutter fielen auf ihn wie ein damoklesschwert. fleck wandte seinen blick ab.

<es gibt keine gründe.>

<was?> rief der vater erhitzt.

<es gibt keine gründe.> sagte fleck fest. <der einzige grund, den es gibt, bin ich selbst.>

sein blick schlug hinaus zum fenster, bohrte in eine durch flirrendes licht erhellte wolkenbank hinein. <was sind schon gründe ...> murmelte fleck mit verwegenem tonfall.

der vater beherrschte sich sichtlich, seine ungehaltenheit zu verbergen. die eltern sahen sich an, als säße ein verrückter am tisch.

<hört zu, ich hab’s nicht gern getan.>

<emmy ist außer sich!> protestierte die mutter.

<sie empfand deinen abgang, wie sie es die tage nannte, als äußerst verletzend. jawohl! äußerst verletzend! so etwas ... hätte niemand –>

<sie braucht dich, fabian>, fiel sie dem vater besänftigend ins wort. fleck empfand diesen satz als zudringlich.

<es ist möglich, dass sie mich braucht und ich verstehe, dass sie jemanden braucht; aber sie braucht nicht wirklich mich ...>

<natürlich braucht sie dich, fabian! sie liebt dich ...> die stimme der mutter bekam etwas zerbrechliches.

<ich liebe sie auch.>

<dann begreif’ ich das nicht.>, seufzte die mutter.

der vater schüttelte wieder den kopf.

<sicherlich, fabian, ihr seid fast erwachsen. ich sollte mich nicht ... aber seit tagen ist sie verändert. sie schläft nicht. sie geht nicht ans telefon. sie treibt sich herum.>

<fred, sie ist kein kleines kind mehr ...>

<ja. und auch heute: ich weiß nicht, wo sie steckt.>

<wir möchten uns nicht einmischen, aber ... weißt du, fabian, es geht ihr seit tagen über die maßen schlecht, sie geht nicht mehr zur schule ... geh’ doch zu ihr und ...>

<... du kannst emmy nicht einfach verlassen!> vollendete die mutter den satz für ihn.

<ich muss!>

vor allem der vater blickte nun voller ärger.

er stand auf und lief herum.

<wisst ihr, es war nicht leicht. es war im grunde schon lange vorbei. wir hatten uns nichts mehr zu geben ... es waren immer dieselben momente, an denen wir uns aufrieben. und zudem waren wir nicht ... frei.>

<nicht frei?>

als der vater ihn anvisierte, knickte flecks blick um, wie über eine kante gebrochen.

<wenn einer den anderen liebt, weil er ... ein problem hat, weil er allein ist, weil er sich alleine nicht vollkommen ist, weil er sehnsucht hat, weil ... na, weil er einfach nur seiner lust nachgeht, dann ist er nicht frei.>

der vater wurde nervös, fuhr sich mit der hand über das lichte ergraute haar.

<willst du uns missionieren?> sagte er kalt. fleck hörte nicht.

<man kommt zueinander, weil man sich selber nicht aushält, weil man sich selber nicht erträgt.>

<leeres gerede ... von einem, der nicht einmal ein halbes jahr ...>

fleck empfand die kommentare des vaters, die den klang von wohlmeinenden und fast altväterlichen ratschlägen hatten, als unsaubere einmischung.

<wir hatten uns nichts mehr zu geben. ich wollte zu mir zurück. oder anders gesagt: ich wollte außer mir sein. ich will von mir loskommen, von meinem ich. und emmy liebte dieses ich –>

<fabian, sieh mal her. emmy war deine erste freundin. nun? ihr habt eure erfahrungen gemacht, ganz egal, auch wenn es nicht glücklich gelaufen ist, und die gründe – die es ja offenbar gar nicht gibt – die mag ich gar nicht hören. ihr seid doch noch jung ...>

fleck fühlte sich ins eck gedrängt, fast kam ihm die ausführung des vaters wie eine binsenweisheit vor. eine grobe allerweltsgeschichte. doch emmys und seine liebe war keine allerweltsgeschichte.

<du brauchst uns nichts zu erklären!> fuhr der vater fort. <in einem solchen fall gibt’s nichts zu erklären. das müssen immer die beiden betroffenen miteinander ausmachen. du bist hier völlig fehl am platz ...>

<fred!> ermahnte ihn die mutter.

der vater lehnte sich breit im sessel zurück.

fleck war währenddem ganz woanders und blickte ihn dunkel unter seinen brauen heraus an.

<sie hatte so viel gutes, sie war zu gut ...>

wieder umgab fleck eine undurchdringliche hülle, durch die keine laute von außen drangen. er sah, dass der vater redete und redete und gestikulierte.

fleck indes schwebte auf der spitze eines traumes

<fabian>, sagte die mutter leise, ohne kraft in der stimme.

sie verstehen mich nicht, sie werden es nicht begreifen. er bezweifelte den sinn seines kommens nun umso mehr, fast hob es ihn von selbst vom sitz.

<ihre augen hatten so viel gewicht, hatten mich so tief berührt ...>, murmelte er vor sich hin. durch das fenster brach flirrendes licht herein, draußen strahlte eine dunkelnde sonne. es war so viel leere in ihm. als er keine geräusche mehr wahrnahm, blickte er wieder auf.

<magst du noch ein glas tee, fabian?>

fleck schüttelte energisch den kopf ohne ein wort des dankes. die mutter räumte die teetassen fort.

<wollt ihr es vielleicht nicht doch noch mal versuchen?>

er habe sein herz an eine frau hingehängt. und es hinterher verloren. er hätte sein herz genauso gut an einen haken hängen können, dachte fleck.

das war es also: sein herz hinhängen, an etwas. sein herz festmachen, an einer sache (einem menschen): sein herz hergeben für etwas. seine finger zuckten wie auf den tasten eines imaginären telefons in einer gewissen ziffernkombination auf dem tisch, spielten an der unterkante des tisches; fleck starrte, gedankenverloren.

<was sollten wir denn versuchen?> gab er gleichgültig zurück.

<ihr wart so ein schönes paar ...>, sagte die mutter mit traurigem unterton.

da zuckte ihm emmys lachen durch den kopf, der heitere singsang ihrer stimme, wie ein paar musikalische glanzlichter. fleck riss den kopf herum, um die erinnerungen wie ein buch zuzuschlagen.

<ich gehe jetzt>, sagte er mit keuchender stimme.

 

[keine musik]

 

beide eltern begleiteten ihn zur türe. fleck sprach gedankenlos irgendeine grußfloskel hin, ging durch den dunklen kanal hinaus und erwachte erst, als die haustüre ins schloss fiel

eine seltsame mischung aus melancholie und geheimer lust erfasste ihn. er war aus feinen stoffen (gesang, nebel), wurde beinahe gasförmig und verdichtete sich im moment, als sich seine augen öffneten: melodien weißfarbener winde senkten sich auf ihn. schwere schleier dichterer atmosfären tauchten ihn ein, strichen über ihn hinweg, wehten ihm durch und durch. fleck war atem: der eindrang und ausdrang: stunden des hauches: für momente konnte er sich auflösen: wurde wind, luft, edles gas: ihn beschwerte nur ein wenig die angst: dass ihn die feinen stoffe davon trügen wie einen wisch – mit einem ruck, dem er nicht gewachsen war; der ihn wohl endgültig auseinanderriss, so schön es war, die haftung am boden aufzugeben

je mehr er sich auflöste, desto mehr spürte er, dass er dann nichts mehr in sich barg: nur noch die weite; und die weite wurde ihm leer. und nun wusste fleck: in fleck war immer ein weiterer fleck gewesen. er war in sich selbst vielfach. er war aus erde; er faltete sich in lüfte; und er würde einmal dort oben oxidieren. in den spitzen seines geistes sich selbst versengen

eine zweifelhafte symbiose war fleck mit seinen alten flecken eingegangen, mit all denen, die fleck einmal gewesen ist. daneben die neuen: und alle brachten sie ihm ihren ballast mit, ihr erfühltes; alle wollten sie in ihm hausen und ihr (un)wesen treiben, mit ihren gesichten; nun konnte fleck sie alle fühlen, wie sie sich in ihm reckten und streckten und aus ihm hinaus drängten; unter seiner haut fühlte sie fleck, ein blubbern von blasen: augenballen, die an seine haut stießen und wie toll an die oberfläche wollten. es waren seine eigenen augen, die nach draußen zu sehen begehrten. fleck fühlte ihr geschubse unter der gespannten haut, fühlte, wie sie sich aneinander rieben, sich aneinander hindrückten, sich drängten, bedrängten, verdrängten, unter der haut balgten und kniffen und stritten, fühlte, wie sie sich gegenseitig im rosarot des verborgenen verzehrten.

in fleck war wieder ein fleck und in diesem noch ein fleck:

wenn fleck wenigstens ein schnappmesser gewesen wäre. eines, das mit einem metallischen klicken aufsprang und blitze und stiche austeilen könnte!

da war er in den jahren – ohne es gleich zu merken – einer von diesen schwadronierern geworden, die auf parkbänken hockten und nichts zu sagen hatten, jedem bärbeißig ihre arme und meinungen auferlegten und bei sonnenuntergang in ihren abgeschilferten jacken larmoyant wurden; ein volk, das ihn früher angewidert hatte. ungeschlachte kerle aus stein, nur aufgeweicht von dünnflüssigem gift. arme kerle, die nichts mehr so richtig anrührte, oder alles ein bisschen. oxidierte köpfe, die bereits höhere atmosfären durchlaufen hatten.

wo fleck früher vor schmerz und lust schrie, zerrte es ihm jetzt ein wenig an den mundwinkeln; aber hitze und kälte war in ein einziges laues getaucht; durchschnittstemperatur; die welt wurde ihm zum lauwarmen wasserbad. er hatte sein herz hergegeben.

demgegenüber war das, was er sah, was er hörte, was er miterlebte, ein gekreisch voll von buntestem, lautestem, schrillstem leben! manchmal, wenn er so da saß, wenn er fühlte, wie es an ihm nagte, wenn sich seine gedanken abspalteten und die welt wie durch eine dunkle scheibe betrachet davon tauchte, – wenn er sich entfernte und weit weg selber treiben sah, wenn neben ihm die menschen lachten und scherzten und ihn anstupsten, stand er ruckartig auf und bellte wie ein tier, warf hässliche blicke, verbarg sich. wie sie an ihrem dummen leben klebten, spottete fleck ihnen hinterher. hoffentlich nicht an meinem.

fleck wandte sich ab. fleck wandte sich von sich selbst ab. fleck wollte den ewigen singsang nirgends hören. allerorts hörte fleck das gewinsel am verlust der liebe; die tränen, weil ihnen irgendein mensch gestorben war (ein leiden am <gefühl>):

liebe!

was für eine dumme idiotie da unter seiner haut aufbegehrte. und zu welchen idioten dieses gefühl sprach! ein zwergengefühl und dazu die dümmste einbildung der menschen; ein sentimentales gesinge von zweisamkeit. weinerliches (wertloses) geluder: alles, was für ihn liebe war, blätterte von ihm ab.

fleck wollte das zudringliche augenrollen des vergangenen abtöten. er wollte in sich nichts mehr spüren. jedes noch so harte (aber wirksame) mittel wäre ihm dazu recht gewesen.

denn liebe – dachte fleck – das ist was für die, die nichts größeres kennen. ein allgemeingut ... eine dreckige, abgegriffene münze, an der der goldene schein schon unter den dunklen grinden des speckigen verschwunden ist. liebe – das ist etwas, was sie auf die tollsten höhen ihrer leidenschaften hinaufreißt, in wahre stürme von leidenschaften und plumpste wildheiten!

denn liebe – dachte fleck – ist ihnen groß, weil sie sonst nie großes erfühlt haben, weil sie scheinbar etwas großes mit ihnen macht; weil ihre ganzen <gefühle> daran hängen wie an marionettenfäden; dazu eine klapprige innerei, ein billiger zellofanwisch! war ihm das, diese seele.

und was sie mit so etwas dünnem alles erfühlten! – wie fleck es aus ihren liedern herauszuhören vermeinte: ihren liebesfirlefanz! kleine spärliche gefühle, die in käfigen hockten oder in verdünntem leben; im grunde wussten die wenigsten, die schalheit der liebe abzuschätzen. sie waren infiziert von der verherrlichung der liebe. was liegt schon an der liebe? im grunde eine armselige illusion nach nähe; doch die nähe zwischen zwei menschen ist nicht möglich, und wenn, dann als kurzfristige mischung zweier komponenten, einer emulsion, die genauso schnell vergehe, wie sie entsteht, dachte fleck; ein labiler zustand, der ihnen das hirn zersetzte; und als ob liebe nicht mehr schmerzen verursachte als glücksgefühl! eine feine kruste löste sich. darunter blähte sich blutiges gallert, einer rotgeäderten qualle gleich. fleck drehte sich fort und der welt den rücken zu.

haut ging ab. überall flogen feine weiße häutchen herum, wie gummi, ließen sich abziehen und klein und dünn zwischen den fingerkuppen zusammenkräuseln.

seine alte liebe: da wohnte etwas vergangenes, an das er immer wieder stieß. und in fleck war noch ein fleck, noch ein anderer. fleck hatte immer angst davor, zu entdecken, dass fleck sich selbst nicht mehr kannte. fleck sah sich selbst mit blindem fleck: war fleck doch selbst nur ein blinder fleck.

ich bin ich, dachte er.

so drehte sich alles fort. hautfaden um hautfaden schälte sich seine liebe ab. und fleck schlug sich an den kopf, bis etwas barst. er versank in rotz. hämmerte die stirn gegen die wand. was in diesem schädel saß? nichts außer schmerz.

es half nichts. fleck liebte emmy nicht mehr. (was war schon liebe?) er bohrte mit den fingernägeln tief in seine handflächen hinein.

2 aufbruch

 

fleck hatte den motorblock in die maschine eingesetzt, die walzen flottgemacht und montierte zuletzt den motor an die nockenwelle. nachdem ein erneuter start geglückt war, rollte er mit dem schlepper knatternd auf den hof hinaus. aus dem schlot blies dunkler rauch.

da war der frühling herausgekommen. auch fleck fühlte es. in ihm regte sich ein leiser widerwillen. er ging, hin- und hergerissen zwischen den leuchtend bunten farben der bäume, der blüten, des flieders und dem willen, sich zu vergraben: entsagen wollte er allem.

fort zu sich selbst, sich eine weiche mulde schaffen. wo er alleine war. wo es weich um ihn war. eine sandkuhle. auf seinem hof stand nun ein leuchtender Kristall, funkelnd wie eine lotosblume, in dem er all sein hab und gut unterbringen würde.

die maschine stand nun fix und fertig auf dem hof, das werk monatelanger arbeit unter rinnendem schweiß. das heck war aufgeklappt und nach und nach häufte fleck all sein hab und gut darin auf wie im innenraum einer rettungssonde. er wickelte jeden blumentopf in silberfolie ein, umwickelte seine laubsammlungen mit tüchern, gab jedem seiner kleinen strandgutobjekte einen platz im inneren seiner maschine, die ab jetzt sein eigentlicher lebensmittelpunkt werden sollte. bald waren nur noch restflächen frei, die er zu füllen suchte. je mehr er arbeitete und zur maschine schleppte, umso bewusster wurde ihm, dass er eine auswahl treffen, teile wieder herausräumen und neu einstapeln musste. fleck schlichtete mit schier unendlicher geduld.

im heck der Artesiana nahmen neben ganzen säcken voll proviant die schönen tongefäße seiner mutter und die wuchtigen bambusstauden platz, kam der kleine hocker aus kindertagen hinein, sowie das radio seines vaters, das er nach einer weile wieder herausholte, um beim einräumen noch musik hören zu können.

allmählich füllte sich der stauraum mit flecks kostbarkeiten bis zu einer beträchtlichen höhe an.

das cockpit bestand aus einer schmalen kabine, ganz in kupfernem glanz, mit schaltern, hebel, knöpfen, pedalen und einem zarten steuerknüppel, der im vergleich zur klobigen größe der maschine eine winzige uhrwerkhafte wippe war. an ihr zog fleck nach links und nach rechts. die wuchtigen walzenräder taten es der wippe nach. ein knopf bedeutete fahren, ein hebel bedeutete bremsen; dazu gab es noch einen schieberegler für geschwindigkeit. er nahm bäuchlings liegend vor einem ansehnlichen fenster platz, das von außen so dunkel verspiegelt war, dass ihn im innersten seines Kristalls niemand sah.

wieder knatterte der motor. fleck jubelte! er sprang noch einmal hinaus und öffnete die ventile, prüfte die armaturen, schloss den gepäckraum, verriegelte von außen alle türen.

fleck blickte auf das gehöft zurück. einen moment stand er (betrachtend) still, bis er sich überlegte, ob er sein altes haus den flammen übergeben solle. dann wandte er sich um.

ohne die haustüren zu verschließen, das haus wie eine abgeworfene leere schale beiseite lassend, stieg er in sein gefährt und ließ den motor an. leise hörte er es fauchen. der durchdringende schall des motors war im innersten so gut wie nicht zu hören. er steuerte langsam ruckelnd voran. Artesiana rollte federleicht an.

3 das schweben

 

fleck schwebte hinein in jenes orange licht, das wie eine feuersbrunst vor ihm immer größer wurde. Artesiana senkte sich nieder wie ein getarnter falter, schwebte im sinkflug lautlos mit sinkschirm, glitt sacht (geisterhaft) auf das parkdeck nieder. fleck parkte seinen fliegenden Kristall auf dem dach eines dieser hohen häuser; eine geraume zeit blickte er durch die scharten, was ihn dort umgab. er lauschte an der außenhaut, doch die stadt schien zu schlafen. eine ganze stunde beobachtete er (horchte, spähte), ließ ein kleines selbstgebasteltes periskop über dem eisendeckel des oberen einstiegs kreisen, und maß die außentemperatur, bis er endlich einen blick aus der dachluke wagte. er fühlte die luft der stadt bereits im innenraum, als er ein fenster hob und hinauslugte. beinahe lautlos öffnete er die tür seines Kristalls. es war dunkel. unendlich langsam glitt fleck die trittleiter hinab, setzte eine sohle vorsichtig auf den boden des flachdachs, bis er beidbeinig vor Artesiana stand. es fröstelte ihn

die luft, die ihn umgab, war kühl. noch klang das surren der maschine nach. sie war heiß, als er mit seiner hand die außenhülle streifte. fleck kniff seine augen zusammen, sie musterten eindringlich, was sie ganz weit dort drunten sahen: einen belebten straßenzug, chausseen, straßen, kreuzungen, alleen, lichter etc.

er vernahm geheul, sirenen, motoren. die geräusche empfand er als gleichmäßiges gluckern; kein meer rauschte, kein wind fuhr rauschend durch die bäume, keine grille zirpte

dunkel und kühl reichte die nacht bis an den horizont. sein atem dampfte; kühle legte sich auf seine haut. er hörte leise das motorengeräusch der autos, ein gleichförmiges rauschen. es hatte etwas anrührendes, etwas schönes –

fleck schaute mit hellen augen, in denen sich das kalte neongleißen spiegelte, hinab: das glitzern des asfalts, von licht umsäumt; stahlträger; schneetreiben; anonymes rätsel; dunkle szenerie; lichter brannten in roten punkten

fleck bebte.

er hörte von ferne ein hupen. einsamkeit; verödet im mondschein; kälte stieg in ihm auf. nebel umhüllte ihn mit feinen schlieren, legte sich immer mehr wie weißliche watte um ihn herum

in fleck verdichtete sich nach und nach eine starke beklemmung: angst legte sich auf ihn, beschwerte ihn. er hatte das bedürfnis, sich zu vermummen, sich zu polstern, sich ganz dick in einen schutzanzug einzupacken. um komplett isoliert einen ersten schritt hinein in die Große Stadt wagen zu können

eine weile hielt er fest seinen kopf in den händen: seine haare waren triefend nass. es gab kein wohin; es gab schon gar kein zurück

er sah eine tür, die in ein treppenhaus führte. als er hinein ging, sprang hell ein licht an

4 das gebäude

 

dort waren geschwungene treppen: in sich verdrehte granitene spiralen, die sich barock in einander schlängelten und sich gegenseitig abschnürten. die treppen führten hinauf in andere, in mächtigere treppen, strebten als ganzes treppenknäuel aufwärts zu einem weiteren treppenturm, der sich in ein neues gewirr von treppenläufen, -steigungen und -verwindungen aus trittleitern und steinernen geländern (mit kegelförmig gedrechselten sprossen) auslief.

dazwischen bewegten sich leere rolltreppen, wuchtige raupen, deren silberner schuppenrücken sich auf- und abwärts wand. seitliche glasscheiben glitzerten wie die häute sich hinaufringelnder schlangen: monströse ineinander verkröpfte rampen, die sich einrollten und in fingerartige verkürzungen endeten.

der weg in den himmel, dachte fleck

pieres la fé,

cualquier esperanza es vana

y no sé qué creer;

pero olvidame que nadie te ha llamado

y ya estás otra vez

 

fleck wusste nicht, wo er sich befand, irrte durch endlose gänge und räume, war unterwegs durch zyklopische fluchten, abgänge und schächte.

plötzlich stand er vor sich selbst! – er erschrak über die verschlissene gestalt, die er sah, aber nahm es augenblicklich gelassen. es war ein blankpolierter spiegel auf einer tür. an ihrer rechten seite war ein knopf. fleck drückte. fast lautlos schob sich die spiegelwand auf und lud ihn zum eintreten ein. er fand sich in einem komplett verspiegelten innenraum. eine blecherne stimme (weiblich) sagte: erdgeschoss. hinauf oder hinab ... er spottete ein wenig mit sich selbst und drückte dann mit geschlossenen augen – innerlich jubelnd über die beliebigkeit dieses spiels – eine taste. die tür schloss ebenso lautlos. er spürte einen schub abwärts, da es ihn ruckhaft ein wenig nach oben zog, als würde er schweben.

er fuhr endlose etagen hinab und wieder hinauf; es schienen ihm enorme entfernungen zu sein. fleck fuhr aufwärts; abwärts; kam jedoch an kein ziel. (gab es noch ziele? fragte er sich einen kurzen moment lang.) fleck wollte zurück, dahin, wo er früher gelebt hatte. was ihn beschäftigte, war die möglichkeit, eine abkürzung zu suchen, wie er hier noch schneller nach oben kommen könne (oder nach unten?). der aufzug beförderte ihn über weitere schachtsysteme immer weiter abwärts, bis er irgendwann zum stehen kam.

fleck trat hinaus, fand sich in einer art foyer, das mit purpurrotem teppich ausgelegt war. durch einige glastüren kam er bis zu einem raum, der einem vortragssaal glich. wie eindrucksvoll, wie großzügig das alles war! staunte fleck. schon der durchmesser des aufzugs hatte bestimmt einige meter gemessen. eine solche weite in gebäuden war neu für fleck.

ihm gegenüber befand sich eine bühne. roter samt bespannte die sitzpolster weiß lackierter rokokositze. kein mensch weit und breit. das ganze gebäude war wie leer gefegt und fleck mittendrin. dabei hatte er das vage gefühl, von menschen umringt zu sein: womöglich drängten sie links und rechts an ihm vorbei. doch fleck sah niemanden. wie durch eine art filter wurden sie (sofern vorhanden) einfach ausgeblendet.

er setzte sich auf einen roten sitz. das licht wurde etwas dunkler, aber es gab keine vorstellung, allerdings schien augenblicklich die perspektive auseinander zu kippen, der raum zu wippen und zu drehen. er sah die stuhlreihen plötzlich von oben und empfand alles plötzlich so menschenleer. und deswegen eben so angenehm, urteilte fleck.

nachdem er noch lange dieses rein optische spiel genoss, stand er auf und ging zurück, kam in ein anderes treppenhaus. wieder in einem neuen treppenturm schleppte er sich endlose stufen hinauf und musste nun jede stufe einzeln nehmen, hinauf in einen dunkelgrauen erker mit länglichen schatten.

fleck war entzückt von den vielen zimmern und räumen, die es in dem gebäude gab: keine zwei waren gleich. hinter hellen holzgetäfelten türen schlossen glastüren an, ganze reihungen von glastüren. er ging lichte gänge in fast reinem glas entlang. selbst der fußboden war dort aus glas.

fleck befühlte die oberfläche des glases, betastete dessen kühle; dann blickte er die tür von der seite an, sah das grün des glases im profil. er hielt das auge an die seitenkante; und die welt kippte in unendliche spiegelwelten auseinander. alles spiegelte sich in sich selbst und in sich selbst und in sich selbst ... und am rande des unendlichen widergespiegeltwerdens (das sich in der ferne immer mehr in einen grünen undeutlichen schimmer verschwamm) entdeckte er ein stück seines kopfes, darin groß und bohrend ein auge; ein jäher schmerz durchzuckte ihn.

als er sich erholt hatte und weiterging, wurden die einzelnen glasräume nach und nach immer kleiner; bis die türen so dicht aufeinanderfolgten, dass er selbst flach wie eine glasscheibe wurde, um sich noch hindurchzupressen; fleck hatte das gefühl, am ende der unendlichkeit dünn wie ein blatt papier werden zu müssen, um noch dazwischen zu passen –

es folgten quadratische kabinette, hübsch verziert, dahinter ein tunnel mit steiltreppe: eher ein dunkler schacht. hier musste fleck aufwärts, konnte nicht mehr zurück. hinauf ging es zu einem großen saal.

fleck hörte stimmen, fühlte sich belebt, von hinten sanft geschoben, hörte sogar etwas nebulöses klingen (musik?) – das heißt, es war nicht wirklich musik, es war eher ein ruhiges, sfärisches schwingen. er kam in eine riesige halle, deren wände mit plastiktafeln rot ausgekleidet waren. auch der fußboden leuchtete in grellem rot. als er näher hinsah, waren die roten felder an der wand fein mit mäandermustern geschmückt. es ging durch mehrere dieser säle, immer weiter, (ein großes labyrinth) ohne fenster, trotzdem von der decke herab hell erleuchtet. er hatte dauernd das gefühl, er bewege sich in all diesen raumwelten unter einer riesigen dunklen glocke, und sobald das licht verlöschen würde, wäre er von schwarzem rätsel umgeben.

als fleck durch mehrere dieser völlig gleichen räume gegangen war (und schon die hoffnung aufgegeben hatte, dass jemals noch etwas anderes komme als große rotgetäfelte hallen), stand er plötzlich mitten in einem kleinen selbstbedienungsladen. interessiert lief er durch die langen gänge mit lebensmittel (noch nie hatte er irgendwo so eine große auswahl gehabt!) er brauchte sich den wagen gar nicht zu füllen. das tat der wagen erstaunlicherweise selbst. als er jedoch an der kasse angelangt war, konnte er der frau nicht vermitteln, dass er doch gar nichts dazu getan habe, nun einen gefüllten wagen zu haben. die frau ließ sich nicht auf ein solches gespräch ein. er solle entweder die sachen hinlegen wo er sie her habe oder dafür bezahlen.

fleck ging und stellte alles feinsäuberlich und akkurat an seinen platz zurück, fand einen hinterausgang, wo er mit einem mal in einem noch kleineren laden war. er blickte durch das schaufenster in den laden, in dem er zuvor war. vielleicht war hier ein laden neben dem andern? getrennt durch schaufenster. die einkaufenden konnten sich (eingezwängt hinter gläsern) durch die scheiben sehen.

dort war geschäftiger betrieb; ein wenig konnte er nun die menschen sehen, wenn auch nur in umrissen, und hörte auch das geräusch ihres sprechens, ihre gleichmut beim warten und schlangestehen.

fleck achtete nicht darauf, was er alles in den wagen legte. war das nicht vollkommen einerlei? er wollte nur, wie alle anderen, mit einer prall gefüllten tüte hinausgehen. die menschen hier scheinen freundlich zu sein, dachte er. obgleich er nur schemen sah, schemen bunter ware, obgleich er nur schematische gespräche hörte und schematische kassen sah, die in langen reihen nebeneinander die fröhlichen käufer abfingen, spürte er doch die beherzte atmosfäre in diesem laden. ja, er gehörte dazu. und das bedeutete etwas: dazugehören!

dann, mit einem moment, war alles leer gefegt, war es wieder nur die hülle des raumes, mit rotgetäfelten plastikwänden. auch dieses klima war nicht unangenehm, er fühlte den raum, fühlte sein rotes prangen, fühlte die einladende großzügigkeit. seine hohen wände waren ohne begrenzung: hinter jedem raum lag noch ein weiterer raum. es gab keine verschlossenen räume. er sah nicht einmal türen. die raumecken waren offen: an der stelle, wo es von vorne so aussah als sei die wand geschlossen, war genau auf der breite der wandtäfelung eine raumhohe tür, die in den nächsten raum führte.

doch auch das gefühl der unendlichkeit konnte für fleck zur einöde werden.

<fabian herwitter!>

sein bürgerlicher name hieb ihm wie ein peitschenknall ins ohr. erschrocken fuhr er herum, sah einen übergroßen runden tisch aus dunklem holz, hinter dem ein podium war, wo zwei seiner mitschülerinnen eine rede hielten, dass es am besten sei, wenn jeder mitschüler sich noch heute anmelden würde.

großer gott! morgen war ja schon die klausur! wie konnte er das nur wieder vergessen? hatte er es nicht immer vergessen? musste er es jedes mal vergessen! und er hatte wie immer eine irrinnige menge stoff aufzuholen. das war kaum zu machen. er sah seine mitschülerinnen ganz deutlich; sie strahlten so viel ruhe aus. die kleinere der beiden nahm das goldene mikrofon und sprach hinein. als er weitergehen wollte, sprachen sie ihn direkt an.

sie hatten beide dunkle haare und trugen enge shirts. sie waren ein wenig schüchtern, sprachen mit etwas piepsigen vibrierenden stimmen, was die mikrofone noch verstärkten. er fühlte sich fehl am platz.

fleck trieb davon. die räume hatten sich zu einem gigantischen schulgebäude verändert, über dem gewissermaßen ein alter muff hing. körperschweiß aus turnhallen, die gänge schlecht gelüftet, ein bau der vorigen jahrhundertwende; marmorsäulen; staubige schränke, hallen, endlose flure. geruch nach holz. ein wenig licht fiel durch butzenscheiben, durch die er vergeblich versuchte hinauszuspähen.

fleck flüchtete in einen kleinen selbstbedienungsladen in der aula. als er drin war, fiel ihm ein, dass es den früher komischerweise nie gegeben hatte, oder wenigstens war er ihm nie aufgefallen. und in diesem shop gab es lauter getränkeautomaten, eisautomaten, süßigkeitenautomaten.

es war nicht sein ort. einerseits ermüdet, andererseits aufgeregt, was er noch alles bei diesem herumirren finden würde, flüchtete er sich wieder in gläserne gassen hinein, wollte zum ausgang gelangen, dorthin, wo die straßenbahn abfuhr, nach ...

er wusste den namen nicht. was bedeuten namen. was bedeuten worte. fleck hatte es bisher nie erlebt, dass in dieser stadt je eine sonne schien. immer war es dämmerig, immer war es beinahe nacht. die tageszeiten schienen eingetaucht in nächtlichen schimmer.

5 in drusen

 

so nahm er die tram, die (wie bestellt) mit einem merkwürdig eindringlichen gebimmel angefahren kam – mehr eine schlittenpost als eine tram – und wahrhaftig: die leute, wie altmodisch sie dastanden, mit ihren seltsamen hüten, ihren taschen und ihren 7 sachen. der reguläre zug fahre nicht, beklagten sie. man müsse entweder einen kilometer zur anderen station laufen, und eine reihe von leuten taten dies, oder auf den nächsten zug warten, der dann aber nur bis zur ecke fuhr. gelb waren diese züge und breiter, als er es je irgendwo gesehen hatte. die leute redeten und redeten und redeten. er hörte ihren sorgen zu. ihren nett gemeinten, harmlosen geschichten. eine frau sprach mit ihrem hund. fast jeder hatte eine reihe von dingen und tüten dabei. bald kam sich fleck seltsam vor, dass er keine tüte dabei hatte und sich doch noch dazu so schlecht auskannte. aber nett waren sie, das musste fleck ihnen lassen. wenn er oben beim turm wäre, dachte er, dann würde er sich aufs fahrrad setzen und sich hinabrollern lassen!

für wen oder was sie das nur alles umherschleppen, fragte sich fleck. was sie bloß damit wollten? der zahn der zeit wird es ihnen wegfressen, noch ehe sie sich über ihren besitz wirklich erfreuen können!

fleck stieg mit einer art gleichgültigen gelangweiltseins an der nächsten station aus, im bewusstsein, falsch gefahren zu sein. um einen großen turm ging es herum, einen stadtmauergraben entlang. hinauf, hinunter, ins verhaltene licht. dort erstrahlten ein paar lampions. und viele menschen hüllten ihn ein, gesichtslos. da war der hauptplatz, dessen name so wohlklingend war, dass er ihn eine zeitlang sang. hier gab es eine unterführung. man kam auf einem weiteren platz heraus, wenn man dort hindurchging. er vernahm ein buntes treiben auf dem platz, beleuchtet von kleinen warmen laternen, läden waren da. und dächer, quer über den platz gespannt. er mochte diesen platz sofort. und oben, auf der anhöhe (das sah er aus der entfernung) standen unvermutet seine eltern und wollten mit ihm nach hause fahren. wo immer das gewesen wäre. fleck freute sich kurz darüber.

einen moment erschrak er, weil er den namen der trambahnstation vergessen hatte. er blieb stehen und überlegte sich den namen, es war irgendetwas wie Kirchheim gewesen ... dass er sich nie diesen albernen namen merken konnte! er wollte erst nicht weitergehen, bis ihm der genaue stationsname wieder eingefallen war.

fleck betrat eine dunkle kammer, und noch bevor er verstand, warum er nun in diesen raum gelangt war, sah er sich bereits umstellt von bewegungslosen menschen. ein herz hätte ihm bis zum hals schlagen müssen, doch fleck verspürte nur einen kleinen anflug von furcht. metallisch kühles licht ging an. er schritt vorsichtig auf eine reglose personengruppe zu. im näherkommen bermerkte er ihre gespenstisch kalten gesichtszüge. die menschen waren in hautenge overalls gekleidet: kühles orange, kühles blau, die gesichter der menschen waren stark idealisiert. sie sahen aus wie models. sie bewegten sich nicht. sie sprachen nicht. manche der gesichter hatten einen silbernen glanz, in dem sich bläuliches neonlicht spiegelte. sie zeigten keine regung.

es waren leblose erstarrte puppen. sie standen jede in einer muschel, einer art edelsteindruse, die in allen möglichen farben funkelte. durch den raum schossen laserschnelle lichtblitze. auf dem boden verlief ein muster, das sich schachbrettähnlich ausbreitete. an dessen schnittpunkten, von dioden erhellt, verschoben sich die quadrate zu rauten, rhomben und parallelogrammen. je nach lichtblitz änderten sie ihre farben. der raum besaß eine unbeschreibliche höhe: eine halle, deren dach er nicht zu spüren meinte. fleck sah kein dach, fühlte nur die umgrenzung von wänden: die decke war komplett schwarz. einige der puppen standen ohne drusen auf dem kopf. es gab kein oben und unten. je weiter er sich in den raum hineinbewegte, desto mehr puppen wurden es. sie wirkten eigenartig tot, eigenartig geschlechtslos und hatten alle das gleiche gesicht, jedoch unterschiedliche frisuren. ihre glatten köpfe blitzten im kalten licht.

als fleck an sich hinabblickte, trug er einen ebensolchen overall wie die puppen. er lag hauteng an und war ein dünnes gewebe, das fleck gar nicht spürte. er fühlte sich nackt. (war er ebenfalls eine puppe?) doch er bewegte sich ja und stand in keiner druse.

nun bemerkte fleck, dass sich bei seinen schritten nur der boden bewegte (oder vielmehr nur das leuchtmuster darauf), aber die puppen wesentlich langsamer auf ihn zukamen. eigentlich bewegte sich nur das muster des fußbodens; vielleicht war alles illusion? überhaupt konnte er selbst nur roboterhafte bewegungen machen. seine gliedmaßen ruckelten abgehackt, als gäbe es irgendein unsichtbares raster, in das ihre bewegungsabläufe eingezwängt waren. auf einer großen schwarzweißgemusterten tafel am ende des raumes schwang sich grell ein türkiser schriftzug: Ballhaus stand dort zu lesen.

fleck näherte sich in abgehacktem gang einer puppe. es brauchte große anstrengung, ihr nahe zu kommen. als er ihr nahe war und in ihr gesicht blickte, erkannte er nach einer weile die gesichtszüge von james dean!

nun begannen auch die anderen puppen, sich zuckend zu bewegen, aufeinander zuzugehen und den raum zu erkunden; und in ihren zaghaften bewegungen erkannte er dieselbe leise furcht wie bei sich selbst. er erschrak heftig bei der vorstellung, dass sie alle – genauso wie er – kein herz haben könnten. in diesem moment verzehnfachte sich seine angst. und er las gleichzeitig dieselbe angst im innehalten aller im raum anwesenden!

ein schreckliches ahnen erfasste ihn: alle figuren im raum einschließlich ihm selbst waren james dean! er fasste sich an sein gesicht und bemerkte, dass es ebenfalls aus plastik war! und nun registrierte er die bewegung, die anstrengung der anderen puppen, die ebenso umherirrten wie er selbst und alles betrachteten, sich nacheinander plötzlich alle ans gesicht fassten. denn nur auf den ersten blick schienen sie reglos, aber sie mühten sich in winzigen schritten genauso ab wie er, sich nahezukommen. alle hatten sie ebenmäßige, glatte, fast eisige gesichter.

dann endlich, nach langem weg, stand er antlitz zu antlitz mit einem james dean. fast durchzog ihn schon ein hauch freude, und er meinte auch, bei james ein wenig freude zu sehen. wenigstens erhellte einer jener bunt durch die gegend schießenden lichtblitze kurz sein gesicht. wer sich nur dahinter verbarg? noch schrecklicher wäre es, dachte fleck, wenn er selbst alle diese puppen wäre, nur gespiegelt, nur in ein ebenbürtiges james-dean-korsett gepresst ...

ein geräusch drang ganz nahe an sein ohr: als ob sich ein reißverschluss zuzöge, der seinen atem gänzlich abschnürt. fleck hielt sich die hände vor sein gesicht. er blickte nur noch durch die zwischenräume seiner finger hindurch. und alle puppen im raum hielten sich die hände vor ihre gesichter!

eine weile konnte er sich vor schreck nicht rühren. er stand stocksteif wie eine puppe. eine schreckliche ahnung fraß in seinem magen. doch als er über einen ausweg aus dieser lage nachdachte, kam ihm plötzlich, dass alle <auswege> nur aufschübe waren;

einen ausweg gab es nicht

es gab eine menge türen, die scheinbar nach nirgendwo führten. er nahm eine solche tür, leidenschaftslos, und floh.

fleck stand plötzlich draußen. es war dunkle nacht, im ersten augenlick sah er nichts, nur dunkelheit. seine augen mussten sich erst ans dunkel gewöhnen.

wo sollte er nun hingehen? zurück zur trambahnstation? weiter nach Kirchheim? in einen außenbezirk? befand er sich noch in der Großen Stadt? er ging ein wenig umher, um seine lage zu erkunden.

ehe er sich versah, war er durch eine andere tür wieder in eine kammer geraten, in der aufzüge ankamen. zuerst sah er sich um, blickte auf die chromblitzenden aufzugstüren, sah sich mehrmals selbst in den verspiegelten wänden, die verschlossen waren. er war so froh, dass sein spiegelbild überhaupt noch ein gesicht hatte. obwohl es sich fast vollkommen aufgelöst hatte und so gut wie keine individuellen züge mehr hatte, erkannte er sich. seine haare, ein perückenhaft verfilzter blondschopf, dazu sein eigentümliches starren durch stahlgrau verhärtete mündungen – ein blick, der ihm selbst eindringlich (schmerzlich) ins innerste bohrte, so dass er augenblicklich wegsah.

eine weile stand er vor der anzeigetafel und las die nummern: ein aufzug fuhr nach oben, ein anderer kam ihm gerade entgegen.

fleck berührte eine sensortaste, die sofort nach der berührung rot aufglomm. schon nach kurzer zeit hielt ein aufzug und öffnete mit einem eleganten zischen die tür. darin war nichts zu sehen, nur eine knopfleiste. nach oben wollte er, heraus aus diesem schacht. alles war so blitzsauber und mit freundlich sterilem aluminiumglänzen versehen. es gab keine schramme, kein staubkorn, auch nicht die kleinste faser lag umher. höchste perfektion.

der aufzug schien sehr schnell zu fahren. es drückte fleck fest auf seine schuhsohlen. er hörte so gut wie kein fahrgeräusch. wie zuvor kündigte wieder eine freundliche weibliche stimme von band das geschoss an. dort angelangt öffnete die tür selbsttätig.

6 nachtfährte

 

er ging durch den ausgang und stand auf einer plattform: eine metallkonstruktion, auf der reger verkehr herrschte. fleck stand auf einem ponton, wie ein angler auf einer klippe steht, und blickte hinunter, wo eine kreuzung zu sein schien, die mit einer glasüberdachung überdeckt war. er roch keine abgase. autos fuhren blitzschnell, wie geschosse, in beiden richtungen unter ihm hindurch. dort waren auch schienen. er war scheinbar in der nähe eines bahnhofs, nach der vielzahl der geleise zu schließen.

fleck wurde schwindlig auf den beinen. das schweigen der schlote. vakuum. brückenbögen. fleck ging ein wenig umher, kam an leere plätze, sah eine ranzige stiege, leitern, eine verlassene sitzgruppe, bestehend aus drahtstühlen im halbkreis; am boden lag erbrochenes, lagen glasscherben. weiter hinten bemerkte fleck eine bushaltestelle. hausecken klafften wie scharfe angriffslustige klingen.

das spazierengehen und erkunden, die vielen eindrücke ermüdeten ihn sehr. nachtland, nachtbeleuchtung, nachtschneegrieseln. er fühlte taube finger.

eine weile betrachtete er das gusseiserne gestänge, das mit nieten verbunden war und blauschwarz glänzte. mächtige stählträger liefen in der mitte zusammen und waren mit seilen abgespannt.

fleck steuerte auf eine gläserne pyramide zu. als er sie erreichte, stellte er fest, dass sie rundherum geschlossen war. an der türe befand sich ein automat, der sich anscheinend öffnete, wenn man geld hineinwarf. im inneren dieses glashauses war nichts zu sehen außer einem seltsamen schimmer, dessen farbe er noch nicht einmal eindeutig bestimmen konnte. am ehesten leuchtete es grün. fleck äugte hinein und erkannte eine winzige lichtquelle am boden. querlicht fiel durch das verdunkelte glas herab. er ging weiter.

es fror ihn. er hob die hand an den mund, atmete auf seine finger. unentschieden liefen seine beine einfach weiter geradeaus. (unterwegs wohin?) er fühlte keinen wind. nicht einmal sterne auf der haut. nur kalten frost. fleck hätte lust gehabt, in einen dieser züge einzusteigen und sich irgendwo hinfahren zu lassen. er wäre dann schon irgendwo herausgekommen. das ganze leben bestand ja darin, irgendwo einzusteigen und woanders wieder herauszukommen. sich hineinwerfen, sich davontreiben lassen, oder gar aus einem fahrenden zug aussteigen –

für einen moment begeisterte ihn das!

die formen, die sich einfach aufgelöst hatten: sterne, rauten, punkte. er fühlte sich einfach nur schwarz. wenn doch alles (die welt, das abwärtssteigen, das leben) – wenn die farbe des lebens wenigstens lila gewesen wäre! noch nie in seinem leben hatte sich fleck so fern gefühlt: fern von allem, fern von jeglicher berührung, fern von allem leben. und vielleicht war dies der einzige erträgliche zustand: zu einem kühl metallischen wesen zu mutieren, das ähnlich kalt und unbeherzt wie all die automaten war? eine james-dean-puppe?

die scheiben der vorbeihuschenden gefährte waren verdunkelt, so dass er die umrisse der menschen darin nur ahnen konnte. dort, wo er stand, sah er keine person. keine personen! (gab es überhaupt menschen?) fleck konnte die nacht mit seinen augen nicht durchdringen. womöglich war es um ihn herum längst tag geworden und die geschäfte hatten vielleicht schon geöffnet. er war gefangen in einem kokon aus dunkelheit.

come on baby let the good times roll!

las er auf einer litfasssäule. eine frau zog genüsslich an einer zigarette. die buchstaben der marke auf der abgebildeten packung waren so groß wie sein ganzer körper. die frau lächelte. fleck betrachtete für einen augenblick seinen schatten im vergleich zur größe der hand mit der zigarette. tausendfach plakatierter wall: das lächeln prangte x-fach kopiert auf dem papier; vielfältig, beliebig, wertlos.

es war eigenartig, von nichts getrieben zu sein, wie all diejenigen um ihn herum (und dennoch ziellos wie ein stück papier umher zu wehen!), die alle scheinbar einen termin hatten oder aus irgendeinem grund in eile waren, die er aber nicht einmal sah. er spürte sie. er spürte ein tausendfältiges anonymes umwimmeltsein, beiseitegedrücktwerden, ellenbogenrammen; fühlte sich unwichtig und unsichtbar, ja sogar unsinnig, weil nicht zugehörig. fleck war ein fremdkörper in all dem treiben und getriebensein. womöglich starrte man ihn an wie einen irren oder einen geist, der herumwandelte – völlig ohne zeit und raum – in den proportionen dieses dunklen nachtspiels längst verloren

wie er wohl hinuntergelangen konnte zu den zügen? die beschilderung war spärlich, bestand aus lauter zeichen, die er nicht verstand: es waren symbole mit schwarzen menschenkörpern, eigenartig transformiert, in funktionalitäten zersplittert; gehend, wartend, treppensteigend: zeichen einer mysteriösen geheimsprache (codes, chiffren), die andere (nicht ihn) unterwiesen

ein endloser schatten tauchte ihn ein, umhüllte ihn, barg ihn. mit schattenbeinen ging er, mit schattenaugen blickte er. (war er unsichtbar?) abgestufte stationen – u-bahnhof gelichter – schilderwall – eine aufschrift: Bitte Bahngleis nicht betreten. lochkartenfassade, städtebauliche implantation, amputation, galante drift, schneekahl, fetzen wald, splitterwiesen, strommasten, oberleitungen, bahnsteige, baukörper, plattformen, betonwälle, sekundenzeiger, gerade, verschoben, gebogen, trigonometrische unterwelt: basement, selbstöffnende türen, parfumherzen, kribbeliges flirren der schneeflocken auf seiner zunge

(die nacht aufessen)

doch fleck würde nicht in einem zug fahren, sondern auf ihm sitzen wollen; er wollte in einen fliegenden zug einsteigen, der von seinen geleisen abhob und mit ihm durch die lüfte flog: wie eine glitzernde schlange (gläsern) hoch oben über die funkelnden dächer und balkone und penthouses und parks und industrieanlagen der stadt – fleck würde von oben ihre häuser sehen, ihre plätze, schlote, kräne, sportarenen, hügel, wälder, seen

oder lieber doch zurück ins völlige dunkel? in einen raum, in dem völliges dunkel herrscht: eine sonnenlose höhle. das könnte angenehmer sein als dieses übermaß an licht, das über und über vor bewegung und funkelnder helligkeit brauste, und dennoch gleißendes niemandsland blieb. warum sich alles mit einer atemberaubenden geschwindigkeit bewegte? warum alles so kühl, so geruchlos, so sauber, so makellos war? warum nirgendwo jemand war, der mit liebe und gelassenheit all die vorteile des sauberen, schönen, glattpolierten nutzte?

seine augen hatten mühe, die optische flut zu erfassen, die auf ihn von allen seiten einprasselte; fleck stand minutenlang mit offenem mund. eindrücke schienen durch ihn hindurch zu treiben

verschweißt verspiegelt unberührt anonym ziffernblätter haarnadelsekunden ticker sekundengenaues ankommen. etikettiert gestempelt nachtzüge in linie schlafwagen. stimmsalven in wachträumen wahnträumen multipliziert und zusammengeheftet. totale kontrolle kameraüberwachung auf plätzen und leeren flächen, aufmarschplätzen, exerzieralleen: achsen, gerade, axial und zum quadrat genommen. entleertes bewusstseinsareal. fixpunkte, koordinaten, bezugssysteme; katheten, hypotenusen, tangenten, sekanten, diskanten

es wurde zeit, in den zug einzusteigen. unter ihm fuhr mit aerodynamisch abgeplatteter schnauze ein großer weißer zug in den bahnhof ein. fleck gab sich einen ruck

er stieg schnell die metalltreppe hinab und spürte kühlen fahrtwind. glück ist die beste Unterhaltung, las er auf einem plakat, das für den besuch der spielbanken warb. der zug kam mit leisem zischen zum stehen. die türen öffneten beinahe lautlos. vorsichtig trat fleck ein. die türen schlossen mit hermetischem geräusch. danach ertönte ein herausgebelltes: <zurückbleiben bitte!>

7 lichtwall

 

spiegel sausten wie flüssiges metall, der bahnhof schwebte unter schwarzen himmeln davon; flache formen; periferien; vage vorbeihuschende landschaft; graue steppe; landschaftvolumina; unbewohnte balkone; zäune; paradoxien, ohne befund.

plakate, schriftzeichen, lichtpunkte, dann ins dunkel, hinein in eine betonröhre, grau und mit kabelsträngen ausgespannt: dann graffiti (fetzenwahrnehmung) sich auflösende gesichter heften an gesichtern immer schneller treffen sich pupillen an pupillen gesprächsfetzen verstecken sich mädchen hinter mädchen mit eis im stehen neben ihm lacht ein pärchen wendet den blick notsignale zeit gleitet lautlos leises beben (ding dang dong) eine automatenstimme spricht <nächster halt – –> fleck hört nichts mehr erneut licht gekachelter bahnhof (pupillen ruckeln beim blick durch die scheibe) erleuchtete nervensysteme anatomien über glanzpolierten abkantungen lichtbruchstelle schmilzt seidenweiches plexiglas watteweiches gelee in schwarze flügel abgedichtete laibungen

isolierschaum

glasplatten in reihung, hundertfach, tausendfach, unendliche arkaden der gleichgültigtkeit: das samtpelzige grün der patina bleckt galantes türkis. lichtpassagen weisen fleck ab; blicke huschen verstohlen durchs milchglas, unsichtbar, aus dem versteck; verwaschene ätzradierungen, weichgezeichnete traumkanten (auf einem plakat: she loves me), spielzeug im überfluss, kunterbunte lichterzüge, glühlampen (glühpunkte), werbemelodien kondensieren auf der außenhaut & fressen sich löcher in konsumierfreudige ohren; glastüren mit alarmanlage –

todesvisionen auf werbetafeln, werbemonitoren, gleißende schnell drehende schnell wechselnd geschnittene wechselwelt (wechselbalg), kurzszenerien, clips, sequenzen, augenweiden, cartoons, große tafeln: Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag! in der warenauswurfwelt. glühtrasse glühende großstadt speckland süße versuchung hereinspaziert! lichtwall (lichtschwall) sand- und menschensturm, überriss, (historisierend) von hinten oder vorne backsteingraue öde, kalkverputzt. ein schriftband schmückt den xxx-platz im vorüberflug, warten auf die verlangsamung (aus dem zug springen) den bremsschub leise in den gedärmen. fantome (unsichtbar) suchen an stangen halt, schieben zur tür, greifen nach dem türhebel –

wieder das kaum hörbare schnarren der türfeder. fleck stieg aus, die tür hinter ihm schloss lautlos. er eilte inmitten einer bewegenden kraft (orientierungslos): masse, die nach allen richtungen strömte, ein teil der masse nach links, ein teil nach rechts. die masse strömte auf die rolltreppen, ergoss sich rechts stehend, links vorbeigehend, durch oranges licht; zähes schieben nach oben. hinaus, schnell hinaus. durchsagen, abgehackte melodien (jazz?), schwindlige höhen, gänge (neon) über sitzbänke, barrieren, schleusen, drehkreuze. polizisten vor kassenschaltern, kontrolleure in blauer uniform. die masse kam (automatisch) nach oben, ergoss sich zeitlupenhaft in drei richtungen zu drei ausgängen –

fleck fühlte die drift der masse im dunkel, die ihn erfasste und wie ein ausschwärmender körper aus silbrigen fischen mitriss, mitzog, er mittendrin, unentwindbar, ein teil des ganzen

fleck trieb willenlos, ein papierschiffchen in großer flut, auf einen der ausgänge zu, irrte beliebig durch die straßen, durch die ein kalter windhauch blies, der die häuserschlucht noch weiter aushöhlte und in die länge zog wie geronnenes blei. der wind zerrte ihm an allen gliedmaßen. in ihm wogte der ruß (das abgestorbene, das lichtlose); verbrannten gesprochene worte in der luft zu kohle, ruß, aschefetzen –

der asfalt war ein totes meer, eine nachtfarbene platte, die gischt wie ascheflocken sprühend (kalte lava). auf der haut fühlte er ein frösteln. flockiges licht (weichgewaschen) warf gebrochen an einer mit spiegel beklebten kugel lichtblitze in den raum, erhellte schattensäle. nachtgesang – asfaltfluss, flutende bäume in seinem kopf in einem meer von häusern. das müde licht (blau, kalt, leer). der geruch der dunklen bäume, das dunkle überhaupt um ihn, das nie abebbte; die blinden hauseingänge –

stühle standen leer vor haustüren

totes meer; absenz; knochen; ausgeschältes leuchtgerippe der nacht. endlose strahlerkette, laternennetz, nachtfluter in einer baumstruktur, die stadt erleuchtend. keine gebete. (beten bäume?) ausgeschälte abszisse des neonlichts; nachtpsalm. der stumpf der nacht ragte über die stadtkulisse: eine schwarze sonne (sonnenfratze), auf den dünnen grat einer antenne postiert

flecks augen flackerten im dunkeln, als er vorüberging. straßenlaternen; schmerzgrenze (entartet). ein werbeplakat blätterte von der wand, vom fahrtwind bewegt (bewischt) flattern fetzchen, haltlos

liebe!

was für ein wahnwitz das sei, und wie sich die menschen damit aneinander ketten, sich scheinbar damit vergnügen, begehrte es in fleck auf. gibt es etwas diffuseres? etwas schwammigeres? etwas, das noch mehr zum scheitern verurteilt ist? als zwei menschen, dachte fleck, als zweisamkeit. zwei menschen sind nun einmal zwei menschen, sie könnten nicht einfach verschmelzen oder eins werden. überhaupt sei das <miteinander> gar nicht möglich. überhaupt könne jemand nie eine ganze person lieben, sondern immer nur anteile dieser person. überhaupt enstünde das ganze leid erst, weil die liebe die welt verdorben hatte.

fleck verbarg seine augen in den handflächen. er mochte blind werden. regloses nichts; ampelfasen; rotes grellrot: durch die straßen ging es ihn hin. es wehte ihn, trieb ihn hindurch. die straße ging fleck; wie einen wirbelwisch blies es ihn durch die straßen. die jacke, die an seine ohren trommelte; die nacht füllte sich. die nacht verdickte. die nacht quoll wie die tunke des himmels: jeder blitz –

für einen moment – als er das laute krachen (die wut) des himmels hörte, fühlte fleck sich frei und erhört

jeder blitz war ein willkommensgruß. weißes licht erhellte die taube nacht: eine kühlerhaube blendete kurz im zurückwerfen des grellen lichtstachels. das schiere ausatmen des donners zerschmetterte die stille; totes gärte, dahingeworfen. herbe lüfte. fysikalisch kalt knisterte funkenübersprung. (nichts ist anatomisch)

ein oranges blinklicht (leer) flackerte willenlos geschaltet durch die nacht; musik (ewigkeit); verriegelte jalousien, heruntergelassene eisengatter vor geschäften. häuserfluchten. dahingewelkte arkaden. monotoner markt auf dem stadtplatz. das treiben der menschen kam fleck gespenstisch vor, es schien ihm, als sei es um alles dunkle umwölbung herumgespannt: eine undurchdringliche hülle, in der sie umherliefen, aneinander vorbei geschäfte trieben, arbeiteten, als schliefen sie bei tage; oder nie

das grün, das gelb, das zartbraun der häuser im kahlen licht; eines wie das andere. der boden lief fleck. nirgends eine einkehr. nirgends fand er etwas wie eine reibungsfläche, einen anhaltspunkt – irgendetwas, das ihm etwas sagte, ihn zum innehalten und gar zum verweilen einlud: die räume, die sich ihm auftaten, wurden immer noch größer, noch gigantischer, noch weitläufiger: nun hatte er endgültig die orientierung verloren und war sich auch über seinen rückweg nicht mehr im klaren. doch wo hätte er hingehen sollen? ein zurück gab es nicht. wo hätte ihn Artesiana hinbringen können?

er suchte nur noch nach sich selbst

8 totentuch

 

fleck fand marmorböden, fliesen, leere plätze nach mitternacht. darin, in schaufenstern (ein perverses gebräu aus licht): illuminationen, gespiegeltes gepränge, daneben schwarze hallen, frierendes zischen, plastiksäcke, abfalltonnen. er querte kalte kirchen mit basaltenen palisaden (abweisend und leer). mörderische foyers; trieb in spiegelblanke, verblasene kurven, öde straßen, die sich in abrupt endende sackgassen ausliefen, straßenkeile und spitze winkel, aus denen ein trampelpfad über ein matschiges feld wies

dabei hatte sich emmy ebenso aufgelöst wie sich alle menschen vor ihm auflösten. zuletzt gab es zwei personen, die ein wenig waren wie emmy. da war jene süßliche frau um ihn herum, die ihn immerzu herzen und lieb haben wollte, sich selten mit ihm wirklich zankte; die ihm alles nachsah und ihn mit ihrer affenliebe mehr erdrückte als ihm gut tat, das war emerald. doch emerald hatte immer wieder ihre maske heruntergezogen und ihr anderes gesicht gezeigt, erinnerte sich fleck: sie wurde laut, fahrig, wütend, sie wurde gewalttätig und schrie ihn an, wollte ihn aufwecken, ihn von seinem schatten befreien. wenn sie nicht gerade über ihn lachen wollte. sie bekam dann eine andere stimme wie emerald; sie hieß mylinda.

fleck konnte die schwere sonne, die wie eine träne über seinen himmel zog, niemals wegwischen

die zeit riss ihn mit sich; bald konnte er überhaupt nicht mehr sagen, ob es tag oder nacht war. es war alles gleich. es war immer nacht. er sah sich gefangen in immer neuen raumpartien, kam erneut zu u-bahn-eingängen mit verriegelten toren, mitternächtlichen schlünden, katakomben, höhlen, minen, untergängen, unterständen, untertagebau. blaues neon kreiste, bohrte grell in seine augen. auf den pflastersteinen sah er schaumkronen und schaumballen herumkreuchen, stupste mit seinen schuhen an müllgekröse und papier, stieß an zerknüllte verpackungen. es roch nach verbrauchtem leben. irgendwo drangen helle schreie aus einem geöffneten fenster, musik tirilierte, viel zu schnell abgespielt, stach ihm fein und piepsig ins ohr. buntes licht flackerte schwelend hinter den scheiben

ventile schnürten ventile ab: fleck fühlte diese stadt als riesiges system aus rohrstücken, ventilen, armaturen, die sich gegenseitig das leben abdrehten. vorbei ging er an gräben und hinterhöfen, betrachtete kabeltrassen, schleppte sich über wirtschaftswege, wendezonen, feuerwehreinfahrten, verlassenheit –

ziellos und ungesteuert gelangte er schrittweise eine steilrampe hinauf, blickte von oben hinunter wie in ein loch: stählern wanden sich fluchttreppen in flüchttürmen abwärts, ringelten sich spindelförmig zu gewerbeflächen hinab, ragte stacheldraht vor silos, werbetafeln, absperrungen

dabei schien alles flott und bunt und wohlgeordnet zu sein! und so schön! sogar so etwas wie eine sonne schien zu scheinen. die stimmung war heiter und ausgelassen; so zumindest fühlte fleck es um sich herum. wenn er wenigstens die menschen sehen würde, die er allerorts spürte: doch es war wie ein teig, der ihn mitriss, ein gefühl, breitgetreten und mitgewalzt zu werden, von einer massenwoge geschluckt. dazwischen immer wieder (tonspur verwischt) kurzzeitig geräusche wie aus einem radio mit unterbrochenem empfang: musik, durchsagen, werbung. er spürte den verkehr fließen, obgleich er nichts davon sah, außer einem dumpfen, diffusen glitzern und aufflackern von lichtern (ausgestoßene helligkeit), das mit einer vielzahl prickelnder, glühender augen in die seinen bohrte. er spürte einen sog, spürte geschwindigkeit, spürte schnelligkeit

wo hätte er hin gekonnt? wenn sich nicht vom allgegenwärtigen strom mitreißen, aufsaugen, verschlucken zu lassen? als unsichtbare glaskugel unter einer millionenfachen flut an glaskugeln erdrückt? fortgerissen? zermalmt?

fleck hielt sich an einer laterne fest, atmete schwer. das drehen, das kreisen, das vielfarbige gefunzel drehte ihm schier den magen herum; er verlor sich. selbst seine augen fanden keinen halt mehr

wo hätte er sein sollen?

die nacht war lebhaft; nachttaumel; die blüten des dunkels. licht verhuschte nebulös, nacht rann. straßen rannen in tränen und versunkenheit und totem fluss durch täler und senken,

die nacht saß mit ihm auf bänken, vergeblich und traumlos, ein totentuch (schwarzer ausfluss): umgehungsstraßen schlängelten sich nach und nach um ihn herum – verschoben, verdrängt, verlassen. untergehend flackerte verfinsterung,

verhallte steinernes gebet.

oberleitungen, botschaftengeblinke, gleißende reflexionen der reflektorpfleile: die stadt formierte sich zu einem bündel aus zubringerstraßen, brücken, linksabbiegerspuren, rechtsabbiegerspuren, autospuren: unentwirrbares kleeblatt der nacht, spuren, sarg. selig das tote laub. weißblech konservenmüll

(an einer hauswand stand: liebe machen)

gab es hotels? unterkünfte? notunterkünfte?

psalmenerde; überdruck; samtwallender katafalk

was hätte fleck nur für ein wenig feuer gegeben?

er durchschritt leeres gelände, streifte entleerte distrikte und sperrzonen, überquerte unbeleuchtete einkaufspassagen, ging durch fußgängerzonen, lief unruhig über zebrastreifen in eine traumwelt. setzte fuß vor fuß, sohle vor sohle, schwamm durch wellen, massenwellen, maschinenwellen; nebelnacht; fleck glitt wie ein fantom durch werbebotschaften, synchrone schwingungen, spürte nieselregen auf der haut, verfärbte ins lila

da war der wille, die welt leise anzufachen, sie in brand zu setzen

ein übersprungsreflex: ganz sacht und nur mit einem hauch sprühten erste sonnenstrahlen durch das tiefblau (perforierte nacht) der aufgeheizten atmosfärischen schichten und erleuchteten den himmel wie eine vielfarbige kuppel. der morgen zog herauf, beginnend in hellblau. fleck stand vor einer gelbschwarzen schranke und ging darum herum. er gelangte in eine baracke, tastete sich durch das halbdunkel, verließ sie gleich wieder

er kam an einen großen runden platz mit einem uhrturm, einige buden standen da, mit frischem obst, gemüse, blumen. fleck sog den geruch in die nase, verspürte ein paar wenige regentropfen, labte sich einen moment an der kühlen luft.

das tote laub.

9 material

 

als sei er endlos im kreis gelaufen, kam er bald auf einem schönen platz mit weißem kalksteinpflaster heraus, an einem fluss, dessen namen er nicht kannte. vor sich sah er die überreste eines marktes: feuchten, nass gesprühten boden, ein geruch stieg ihm auf, nach abfall, nach totem tier, nach blut.

schuppiger fisch lag in der lake. fleck atmete das bitterfaulige des blutes, eingetrocknete fäulnis. einen moment musste er sich angewidert wegdrehen, es hob ihm den magen. das bläuliche rot. blut im gärprozess; blutschuppen. der abschaum vermischt mit den düften rohen fisches, der scharfe strahl eines wasserschlauchs wusch das blut hinweg.

spülte es fort: heißes wasser wurde über den platz gesprüht. eine rotbraune flut war entstanden. er sah vor sich die wasserbrunnen, die gekachelten verkaufsküchen, die rohen hände der fischhändler und fleischhauer, die leidenschaftslos und blitzschnell an den fischen herumsäbelten, ihnen mit scharfen kurzen messern die innereien herausschnitten, die sogleich auf häufchen unter dem tisch verschwanden. die erstarrten glotzaugen der fische; das graue gesupp der überreste, der häute, flossen, gräten; hergerichtet, herausgeputzt und dekoriert, wie bei banketten, auf bergen von eissplittern: der thunfisch, der hai, die makrele; und rot die panzer der krebse, der hummer, der langusten (ihre fühler); als kind hatte ihn all dies unsagbar angeekelt.

zum ende wurden die toten fischreste mit groben besen aufgekehrt, hunde und katzen stupsten mit ihren schnauzen an das gewöll (die köpfe, die häute, lebern, nieren, blasen, mägen) rissen mit ihren tatzen daran herum, fraßen das aas, verabscheuten die innereien. später, wenn der fischmarkt vorbei war, die fliesen gesäubert waren, glänzte alles rein, und nur noch als ahnung lag der geruch toter meerestiere in der luft

abgeschilfert die nackten launen des fisches.

fleck machte die augen zu: lautlose lichttümpel, in denen sich die sonne stechend gelb verfing, an den bärten und moosen des dunkels. gehäutete augen, als hätte es sich kurz eine sonne einmal eingefangen und das makellose blau der geschuppten wellen bespiegelt.

im geist sah er die freundlichen fischer, in erinnerung der geruch des hafens, die bunten boote am quai: auf dem fischmarkt bei barcelona. durch die luft sausten ihre versteckten zeichen bei versteigerungen, solange sie beim verkauf ganzer fischladungen mitboten. das geschrei in den fischhallen. fischreste. speckiger abfall. ranziges, totes plastik. seemannstau.

und wieder schoss es ihn durch rohre, rohrstücke, kanäle abwärts und aufwärts, schwemmte es ihn mit zäher gewalt auf und ab, immer mit dem gewaltigen strom, der nirgends ein ende hatte.

fleck sah noch vereinzelte imbissstände hinter dem markt. marktschreier priesen ihre ware an. für momente sah er etwas, riss es ihn wie während einer kurzen aufklarung aus dem dunkel heraus wie aus der isolation; es war ihm, als hätte er für augenblicke eine alles verdunkelnde brille abgenommen.

nun hörte er auch das reden, das murmeln, das lachen der leute, sah ihre gesichter, sah, wie sie ihn ansahen (selbst die sonne war jetzt heraußen und schien ihm warm in den nacken), spürte im moment eine gewisse fröhlichkeit dabeizusein, dazuzugehören, prüfte sogar wie im reflex, ob er ein wenig geld habe, um sich auf diesem markt etwas zu kaufen, doch leider hatte fleck nicht einmal einen geldbeutel, was ihn sofort bedrückte. einen augenblick blieb er an einem stand stehen, wo es kinderspielzeug gab. ein junge drängte sich vor ihn und sah zu, wie er eine kleine windmühle in die hand nahm und den mechanismus des rades untersuchte. es gab sprechende puppen, bunte bälle, und würfel aus holz zum auseinander bauen. fleck spielte eine geraume zeit mit diesen gegenständen und sagte nebenbei irgendwelche dinge zum verkäufer, der sich darüber köstlich amüsierte. bald war es ihm zu müßig. er stellte den würfel wieder zurück und wandte sich um.

menschenmaterial, dachte fleck. manchmal erwachte er inmitten eines gesprächs, saß zwischen ihm wohl gesonnenen menschen, die er nicht kannte (nicht mehr kannte). es war ihm, als schäle er sich aus schlaf und träumen empor, irgendwo zusammengekauert erwachend. das licht (mustergültiges morgengebet) drang durch schmale sehschlitze und scharten, quetschte sich am rand von schützenden kanten in seine augen, drang wie gleißende blitze durch die spalten des schlafs.

allmählich vernahm er das erwachen des morgens: vogelgebell, gekräh, vereinzeltes geratter von jalousien, anspringende autos, schlagende türen, (tönern), eilige fußtritte auf dem pflaster.

und wieder öffneten sich flecks augen. lichtblasen frühmorgens: unberührte silhouette. die hände vor den augen, um sich vor dem licht zu schirmen, blickte er wie durch einen vergitterten ausblick. im schädel das brackwasser einer nacht, an die er sich nicht erinnerte, zermalmte er mit seinen daumenkuppen die kopfhaut, punktierte blutwege, massierte nerven. er fing ein seltsames lachen auf, von jemandem, der vorüberging. schräges querlicht sprenkelte aus dunklen scharten weitläufig.

bleiglanz der küsten. müll überhäufte müll. lichtblenden. paneele. bracken. hüllen: plastikgeleucht. plastikreflexionen. plastikwelten. verkehrsflächen. transportflure. überbordendes windmeer. die stadt erschien fleck wie eine riesige halde strandguts –

es zog ihn davon, hinunter in die kühlen basements, in die schluchten und portale der unterwelt.

fleck drehte sich um und ging den weg zurück in den untergrund. warum die menschen in der Großen Stadt eigentlich nicht alle nackt gingen und ihre straßen und wege mit roten feingewirkten teppichen auslegten?

fleck fühlte sich inmitten eines betondickichts. an einer wand befand sich eine reihe von sitzen. sitzpolster in poppigen farben, mit einem übermütigen muster bezogen. kein ornament, nur eine wilde sprenkelung. jedes sitzpolster war haargleich. es fasste sich an wie glibberiges gelee.

fleck fühlte sich fremd, gehörte nicht dazu, blieb an den oberflächen dieser stadt förmlich hängen, ohne in sie einzudringen. er konnte durch ein weit gespanntes glasoberlicht den himmel nicht wirklich erkennen, da sich darunter ein kunsthimmel spannte, der wohl zur hauptnutzungszeit ein werbeträger war. eine riesige leinwand vielleicht, auf der sich nachts ein film, eine show zeigte? es gab auch keine uhren, wenigstens konnte er keine uhr entdecken, die ihm als solche geläufig gewesen wäre.

am himmel – oder an jener decke, die er als himmel sah – bewegten sich mit einem mal formen und farben: ein buntes flackern von licht erschien, dazu erklang ein lautes getöse (das wohl musik sein sollte), fleck flüchtete schnell davon, sah durch kleine löcher im glasdach kleine himmel (puzzlestücke, getrübtes blau) wie stücke von gedorrtem holz. fleck ging vorbei an sichtbar vernebelten trennscheiben, sah blaues monochrom neben isolierglas, betastete aufgeplatzte farbschichten.

es bohrte in fleck: irgend etwas entscheidendes schien ihm zu fehlen. immer wieder kam er an lautsprechern vorbei, erschrak vor plötzlichen durchsagen, hörte züge in der tiefe unter sich hindurch rauschen – ein dumpfes wummern wie unterirdische bohrungen. hautlos äugte gedämpftes licht, blaue nebelbahn, schatten. anonym durchzuckte ihn dumpfes unbehagen aus der tiefe. weshalb trafer hier nirgends jemanden an? weshalb war ihm die geschwindigkeit fremd, mit der hier alle abläufe, vorgänge, prozesse vonstatten gingen? womöglich teilte er irgendeine angst, irgendeine befürchtung nicht, die jedermann zur eile antrieb? ganz gewiss aber musste es ein gewisser druck sein, der auf ihnen lastete und den er nicht spürte.

fleck spürte nichts, was spürbar hätte genannt werden können.

(wenn er etwas nicht begriff, war es das davonfließen der zeit. es schien ihm, als würde er stundenlang, tagelang, wochenlang an einem ort kleben, förmlich anhaften und festeisen, bevor es eine weiterbewegung gab.)

er folgte einem schild mit der aufschrift Pretty Park, eine schrift, die sich von den genormten abgehackten lettern unterschied, da sie aussah wie von hand frei geschwungen. eine rolltreppe, deren stufen in metallischem lila glänzten, fuhr, als er auf die trittfläche trat, mit verhaltenem rattern los, hinunter in einen schacht. dort sah er eine vielzahl bunt flackernder schriften, kam an einem trakt heraus, der die aufschrift sofortige Erlebniswunderwelt trug.

aus einer vielzahl von der decke herabbaumelnen lautsprechergehängen kam musik in den raum (weiches geplätscher), melodien einer big band ohne gesang. dazwischen folgte immer wieder ein ding-dong. überall standen eine menge geräte umher: spielautomaten, vergnügungsapparate, wunderkästen. manche von ihnen klingelten mit einem animierenden geräusch, spielten kurze einfache melodien, sagten ein wort oder ließen ein synthetisch klingendes tirilieren, blubbern oder quaken hören.

nach einer kurzen weile sagte eine frauenstimme aus den lautsprechern: <meine sehr verehrten damen und herren, wenn sie an der heutigen show teilnehmen möchten, dann gehen sie bitte zum deck 43, dort findet ab 19 uhr eine veranstaltung statt.>

vorbei an leeren restaurants ging er zu einer treppe. er befand sich in deck 41. überall werbefähnchen: snow white world; litfasssäulen, plakate, cafés, bars (getaucht in dunkel) inmitten dieses großen komplexes, in dem es nirgends fenster, ein draußen gab.

bin ich überirdisch? bin ich unterirdisch? fragte sich fleck.

er stand vor einer verspiegelten glastür. als er sich näherte, öffnete sie automatisch.

10 catwalk

 

zerfallender abend in einem schwarzen café; dunkle blumen; abblendungen; nächtliche kuvertüre, die alles bedeckt; zerfall; lichtspiel; haltlos braune nebel kriechen durch dunkle gatter. süße gerüche, verlogener nektar und parfum auf dem prospekt; hochhaus; spiegelglas; alptraum; zement, sichtbeton, fassaden, klinker, gesprühte schrift.

fleck hörte laute musik, sah vor sich eine riesige bühne, auf der halbnackte frauen herumtanzten, die ihre beine in die luft warfen; das nackte fleisch der beine wirkte auf ihn wie ein rasant stimulierendes parfum. ein catwalk mit mehreren stegen zog sich durch den gesamten saal. die damen, die zunächst auf der bühne aufreizende tänze vollführten, gingen hinter einer spanischen wand vorbei, und kamen wenig später völlig neu gedresst wieder hervor: in wallenden samtkostümen (blau, grau, anthrazit), in wogenden froschartigen gummimänteln, in seidendünnen negligés. überall waren bequeme sofas und sitzbuchten, in denen die zuschauer (vorwiegend junge männer) saßen. die roten sitzmöbel waren belegt. hier wurde man belustigt. hier wurde jeder von einem abendfüllenden komplettprogramm versorgt. hier sollte sich ein jeder pudelwohl fühlen. sogar ganze familien saßen in einer gemütlichen runden nische und hatten vor sich ein kleines beistelltischchen stehen, auf dem ihnen von herumflitzenden weißbedressten bedienungen getränke serviert wurden; kleine reizvolle rauchig-kühle fläschchen, die sich mit einem lauten explosionsartigen zischen öffneten, das ohne hall plötzlich abrupt verstummte. dazu chips und knabbergebäck. das programm nannte sich Moulin Rouge.

an einer bar, hinter der junge dandies in edlen schwarzen roben mit blitzweißen krägen standen, saßen einige leute mit gelangweilten mienen, tranken bier oder erhoben theatralisch ein auffällig designtes sektglas, rauchten mit spitzchen.

eine frau (kneipengewächs) am tresen der caféteria hatte ihre beine markant und graziös übereinander geschlagen. hielt ihre zigarette elegant wie einen zeigestab, den sie zum gestikulieren benutzte. ihre haare waren leuchtend rot (erdbeerfarben), erhielten durch den hellen halogenkegel einen feurigen glanz. sie tupfte resolut die asche ihrer zigarette ab.

fleck stellte sich an die bar und hörte eine weile dem gespräch hinter sich zu, das, als er sich nahe dazustellte, ein wenig verhaltener wurde. ein jüngeres pärchen, das sich über einer zigarettenschachtel an den fingerkuppen berührte, tauschte sich aus. flecks augen betrachteten lange das muster des fussbodens aus imitiertem marmor in hellem grauton, dessen lange fugen in ein zentrum hineinliefen, das kurz vor der bühne liegen musste, überlegte er. die einzelnen fliesen waren derart gründlich blank gewischt, dass sich alles unscharf darin spiegelte. der manschettenknopf eines herren an der bar war so blitzblank, dass fleck einen winzigen moment die reflektion der leuchte darin wie ein pfeil ins auge stach.

die damen auf der bühne warfen im bunten lichtgepränge der bühnenbeleuchtung ihre rotbestrapsten beine in die luft und jauchzten einen moment lang so impulsiv, dass fleck die ohren weh taten.

blaues neonband beleuchtete die bar. halogenkegel stachen aus einem gewellten aluprofil herab. die augen der menschen wichen flecks blicken aus. bemerkenswert fand er die schrägen übergänge der einzeln sich kreuzenden bleche, zwischen denen immer wieder schräg geschnittene milchglaselemente eingelassen waren.

es war nicht sein ort. fleck hatte mit einem mal bedenken, dieser raum könne zuschnappen wie eine falle. deshalb verließ er, noch bevor einer der bedienungen ihm einen platz oder ein getränk angeboten hatten, den saal.

ein schild wies zum 4. stock. fleck nahm den aufzug (hermetisch, verschlossen, blankpoliert). er gelangte in ein treppenhaus, über dessen geschwungenen galeriegeländern sich ein riesiges oberlicht befand, das einen vielstöckigen lichthof ausleuchtete. bewusst warmes licht ergoss sich durch das leicht getönte glas hinunter in ein atrium, in dem die einzelnen etagen durch rolltreppen miteinander verbunden waren.

elegante geschäfte lagen eins am anderen: mode, schmuck, ausgesuchte kleidung, exquisite papiergeschäfte, konfiserien. ein brunnen aus seltsam verschraubten edelstahlarmaturen sprühte wasser in kurzen und langen spritzern. dazu spielte aus in den decken der galerien eingelassene lautsprecher anmutige klaviertöne.

fleck fuhr mehrere geschosse mit den rolltreppen hinunter und kam bis ins basement.

11 im paradies

 

durch die fensterscheiben der erdgeschossebene flirrte die sonne ins dunkel herab. da war der frühling herausgekommen. auch fleck fühlte es. ein leiser widerwillen regte sich. er ging an einem gartengeschäft vorbei:

 

Juniper’s Pflanzenparadies

 

hin- und hergerissen zwischen den bunten farben des flieders im innenhof des geschäftes und dem willen, sich zu vergraben, wagte er schließlich einen schritt hinein.

schon der duft beim eintreten: stark, durchdringend, fruchtig. fleck wunderte sich, als er ihren stark grasigen geruch einatmete, dass pflanzen so würzig und durchdringend riechen können. freundliche kaufhausmusik, ideal zum shopping, wie ein plakat kündete. gleich am eingang lockte ein durch glasscheiben abgetrenntes bistro. von dort erströmte kaffeeduft. überall liefen grün gedresste verkäuferinnen umher, die alle arten von pflanzen umhertrugen. menschen, beladen mit blumen und gartengewächsen, hoben erde, harken, schaufeln, terrakottatöpfe (kurz: jede art von gartengerät) in ihre einkaufswägen. eine wahrhaft besinnliche freude am aufladen und aufhäufen ist das, dachte fleck. er mochte diese seligkeit nicht, von der die menschen befallen sind, wenn der mai anbricht. das maienglück –

all diese fröhlichkeit, freundlichkeit, mit der sie sich einander wohl tun. jedes ihrer gesichter ist ein übergriff, dachte fleck. er fand das frühlingsgetue unsäglich. einen stein hätte er hineinwerfen mögen: in die visage der welt. in ihr betuliches frühlingserwachen. dabei waren die leute mit ihren kleinen freundlichkeiten, dachte fleck, hinter ihre gesichtszüge eingemauert: ein paar sonnenstrahlen genügen schon, die menschen zu solchen kindereien zu veranlassen! um ihnen jene oberflächliche illusion: <wir-lieben-uns-alle> einzugeben. frühling hieß diese illusion. was für ein dumpfes idyll! was für ein unfug. jeder blick, der ihn traf, war eine anzüglichkeit, eine frechheit gut gelaunten frohseins. diese harmlose und doofe nettigkeit, die versprüht wurde wie ein parfum! und überall dieses nette zunicken, zuzwinkern, das ihn allerorts traf wie ein peitschenhieb! der frohsinn – wenn es sonst nichts mehr zu lachen gibt. wenn die starke durchdringende freude längst eingeschrumpelt ist, das herzchen nur noch müde vor sich hin tickt – dann ist man frohsinnig, gut gelaunt! sinnierte er. da war kaum die sonne heraußen (diese gelbe unverschämtheit am himmel), war aus ihrem winterloch hervorgekrochen und ihnen über ihre stumpfen seelen gerollt, – das, allein das animierte sie zum frohsein. wie grotesk!

fleck hatte die hände in den taschen und stand einen augenblick halb interessiert vor gartenkräutern, deren lateinische namen er las. hier gab es allerhand zum selbstanbauen. vor allem alle möglichen tomaten, zwergtomaten, strauchtomaten, riesentomaten ... daneben radieschen, rettich und erdbeeren.

nimm dich in acht vor blonden frauen, sie haben so etwas gewisses ... tönte es munter aus den lautsprechern.

der duft der blumen: verschwendet, dachte er. was ging die nasen dieser maienbegückten massen, die hier herumstreunten, dieser duft an? sie konnten doch gar nichts damit anfangen! ihre nasen waren nicht in der lage, diesen duft wirklich wahrzunehmen. ihre nasen waren doch dreiviertelst vernebelt von frühlingswonnegefühlchen. jawohl, gefühlchen. fleck konnte das wort <gefühl> nicht leiden.

und je mehr freundliche blicke fleck zugeworfen wurden, an diesem schönen maientag, desto mehr vergrub er sich. das heißt, auch fleck lächelte sie an, aber aus purer bosheit. das heißt, auch fleck trug seine zähne wie einen patronengurt strahlend offen umher.

ein gewisser ekel kam ihn an: sie waren immer so. immer bescheiden, nett und freundlich. immer lieb und herzig und gut zu einander. richtigen hass kannten sie gar nicht, bohrte es in fleck. auch nicht, was es heißt, böse zu sein, was es heißt, nichts mit all dem zu tun haben zu wollen: mit diesem frohsinn, dieser munterkeit, diesem lustigsein. was bloß alles damit verhüllt werden muss; wie viel grabesluft nur diese frühlingsüberschwänglichen blumenidyllen zudecken sollen! dachte er.

eingemauert in ihre niedlichen gefühlchen, die sie einnebeln wie der blumenduft, den sie kaufen und im trauten heim gedeihen lassen. dabei kennen sie nur fünf verschiedene düftchen: wonne, herzlichkeit, liebsein, nettigkeit und wohlfühlen.

entsagen wollte er allem (zumal dem sich-ergehen in kleinen gefühlen), fort zu sich selbst, sich eine weiche mulde schaffen. wo er alleine war. wo es weich um ihn war. eine sandkuhle, einsam und kühlend; vielleicht eine enklave, in der es noch richtige kälte gab.

von selbst öffneten und schlossen die glastüren, als er das blumenparadies verließ. eine weile hatte er noch das süße gedudel der musik in dem geschäft im ohr; belanglose klimpereien eines oberflächlichen klavierklimperers, lästerte es in fleck weiter. was sich so alles <gefühlvoll> schimpft. ihre gefühle kannten keine weite, verloren sich im klein-klein, im zweidimensionalen, verstrickten sich, entzündeten sich, waren ablesbar, normiert, es gab sie von der stange: kleine nettigkeiten, kleine aufmerksamkeiten, kleine enttäuschungen, kleine wiedergutmachungen, kleine malicen, kleine versöhnungen. eine hübscher mäusezirkus war ihm das.

dabei kannten sie nicht den hass aus größe.

12 schwarz

 

er trat in eine rotonde ein, die sich vor ihm wie ein gewaltiger schwarzer zylinder öffnete. er genoss das kompromisslose schwarz dieses raumes. im grunde war schwarz die einzige farbe, die er ertragen konnte. schwarz war schwarz. schwarz stellte keine fragen, war klar, eindeutig, war ein klares <nein> zur farbigkeit, die ihm in vielen fällen bloß irgendetwas unausgegorenes ins gesicht schrie, was er womöglich nicht mochte. schwarz mochte man oder man mochte es nicht.

an der seite des runds waren kleine, sehr grazil wirkende treppenläufe angebracht. fleck stand auf einem gitterrost und sah unter sich nur schwärze. er trat vor, wo er von der galerie nach unten blicken konnte.

ein unten gab es nicht. die galerie war eine umgrenzung der gitterplattform, die mit vielen genieteten stahlprofilen aufwändig gestaltet war. ein oben gab es genauso wenig, zumindest konnte er hier kein oben erkennen.

da ging es eine treppe hinunter, und fleck war beflügelt vom erkundungsdrang, zu sehen, was dort unten sei. ein pfeil bedeutete Skywalk: zunächst ging es eine flache rolltreppe hinunter, eher einen laufgang. jedoch war diese stelle wenig besucht. hinter einer zwischenwand standen ein paar zusammengeschobene einkaufswägen, lag das glas einer zerbrochenen flasche. stockwerk um stockwerk gelangte fleck nun immer tiefer. als die rolltreppen endeten, führte eine treppe unter einem ungestrichenen treppenhaus noch weiter hinab.

fleck kam durch ein portal, das sich hoch aufrichtete, in einen langgestreckten eher niedrigen raum. als er sich umsah, war er auf etwas getreten, das unter seinem fuß knackste. jetzt sah er es.

der ganze boden war über und über bedeckt mit plastikscherben. da lagen kleine puppengliedmaßen: kleine füßchen, beinchen, körperchen, ärmchen, händchen, köpfchen; ganz kleine, mittelgroße, dazwischen ganz große, die aussahen wie abgebrochene stücke und scherben von schaufensterpuppen; augen (oder scherben von augen), die ihn ansahen und doch ins leere starrten; zertretene köpfe, rosige splitter, zerbrochenes. dazwischen büschel von kunsthaar (braun, grau, schwarz, rot, blond). nylonlocken kräuselten sich in allen farbnuancen: nußbaum, mahagoni, kirsch.

es war eine riesige halde an puppenscherben. wohin er trat, knirschte es unter seinen sohlen.

puppen in allen größen und farben: mädchenpuppen, jungenpuppen, frauenpuppen, männerpuppen; unbekleidet. alte und junge. babypuppen, kinderpuppen, erwachsenenpuppen, seniorenpuppen, puppen in verschiedenen hautfarben. da lag big jim und big josh neben viel zu großen köpfen mit eingefrorenem stilisierten kindelächeln und kulleraugen. zu große arme aufgehäuft neben winzigen händen; zwergenhafte embryos neben fötalen plastikriesen mit starrenden glotzaugen: karikaturen der kindlichkeit, verstümmelt, zertreten, zerfetzt. kleine augen, erstarrt; augendeckel mit maschinell begradigten wimpern; am gelenk abgedrehte arme, halbe köpfe. aufgerissene augen. abgerissene haarbüschel. glasmurmelaugen, putzige rote kindermünder (süß), zerbrochene sommersprossengesichter, blondes seidenes nylonhaar, lose. puppen von toten. ein totes puppenmeer: riesenpuppen zwergenpuppen. schwarze, gelbe, rote, weiße rassenpuppen.

ein deckel öffnete sich vor ihm. einen moment hatte fleck angst, dass aus der tiefe grässlich entstellte tiere heraufkämen. doch der deckel bedeckte ein rohr. die einstiegsluke hatte einen rotweiß markierten rand. beim öffnen der klappe sprang eine notbeleuchtung an. hinab führte eine rutschbahn.

 

Organisches Material abladen verboten

 

fleck stieg kurzerhand hinein. und schon begann er, mit immer größer werdender geschwindigkeit durch ein federndes plastikrohr, an dessen nähten er immer leicht mit den gelenken anstieß, hinabzusausen. es holperte und schaukelte. er sah so gut wie nichts. hautteile erhitzten von der reibung. nach kurzer zeit plumpste er auf einen hügel heraus.

13 wegwerfwelt

 

nachdem seine augen in der dunkelheit etwas sahen und der staub, der durch das aufplumpsen enstanden war, sich ein wenig verzogen hatte, blickte fleck sich um. er befand ich in einer unterirdischen halle, die in großen abständen von turmdicken pfeilern gestützt wurde. der boden war von einer unbeschreiblichen dunklen masse überzogen: etwas mattglänzendes wie schrundiger teer (schwarze verkrustung), das an etlichen stellen durch schrundige löcher unterbrochen wurde. löcher, die wie krater in der masse starrten. dazwischen lagen hügel mit bröckeliger lava. fleck war umgeben von schwarzem gesteinsschutt. nach einer weile bemerkte er, dass er sich auf einer halde befand.

ein eingedüstertes licht, seltsam neblig und unscharf, erfüllte den raum. durch diese verhuschte nebelwelt trieb eine staubwolke; unscharf ragte dahinter eine art baukran auf; von fern erklang bleiernes lachen; etwas bewegte sich gleichmäßig, maschinen tuckerten (dumpfes mahlen, hämmern, klopfen). fleck konnte nicht sagen, was genau sich bewegte. es waren schatten mit menschlichen maßstäben.

wind drückte an ihn heran. ein unbequemes aufsaugen, schwülwarme abluft, aufgesaugtwerden. stadtzunge.

in einem cartoon fraß ein chamäleon hartes glas. niemand lachte.

fleck ging ein stück voran und kam tiefer, gelangte an eine freie fläche, die ihm eher wie ein kinderspielplatz erschien. als er näher kam, sah er: es war eine trümmerwelt. in fast völliger dunkelheit lagen hier computerteile autowracks flaschenhälse schachteln möbel glasscherben bauschutt mikrochips platinen digitaler schrott tastaturen kabel motherboards ...

endlich kam er auf eine lichtung. durch eine riesige öffnung in der decke fiel sogar so etwas wie sonnenlicht herein, wenn auch etwas trister, mit gebrochener glut.

trotz dieser anhäufung des ganzen mülls roch er keine gerüche der fäulnis. als er näher an einige autowracks kam, roch er etwas wie altöl.

 

eine stimme: he! fleck dreht sich um.

ein wesen in undefinierbarem alter springt hinter einem autowrack hervor. es trägt einen dunklen flaumbart, eine schwarze wollmütze, das oberteil eines trainingsanzugs, eine zerrissene hose, überdimensionierte schuhe. das wesen bleibt vor fleck stehen.

das wesen: hi! was machst du hier? fleck mustert das wesen. brauchst du etwas? fleck schweigt. na, irgendwas wirst du hier schon wollen. das wesen streckt ihm die hand entgegen. hi, ich bin earp. fleck schlägt nach einigem zögern ein. willst du was kaufen?

fleck: was hast du?

earp: ich hab alles.

fleck: du hast alles.

earp: was brauchst du?

fleck: nichts.

earp: das gibt’s doch nicht! das soll ich dir glauben? er lachte irr. irgendwas wirst du doch wohl brauchen.

fleck: ich bin komplett.

earp: hör zu, hier kommt niemand umsonst her. und wie du aussiehst, scheinst du irgendwas zu suchen. du bist nicht wie <die> ... er deutet mit seinem daumen plump nach oben.

fleck: wie wer? ein anderer kommt noch hervorgesprungen.

earp: na, wie <die> eben.

der andere: lass ihn doch. er ist scheint’s ... macht eine schnell wischende handbewegung vor seinem gesicht.

earp: hör zu. wie heißt du? na egal. du musst hier höllisch aufpassen. hier ist ganz schönes gelumpe unterwegs. die rauben dich aus und ... das war’s dann.

fleck: ich hab ja nichts.

earp: bild’ dir da mal nichts drauf ein. so einer wie du ist schnell abgestochen. das macht den jungs noch spaß, weißt du?! also, sieh’ dich vor, sonst hast du so was hier earp lässt eine klinge schnappen und fuchtelt damit vor flecks nase herum zwischen deinen speckschwarten stecken. er lachte. so schnell schaust du gar nicht, steckt dir dieses ding –>

fleck: im bauch?

earp: oder im herzen.

fleck: monoton das kannst du ja mal probieren.

earp: zu dem anderen he whistler, haste das gehört: wir sollen es mal probieren! aufgedreht, doch nicht wirklich aggressiv, fuchtelt er fleck mit der klinge direkt vor der brust herum, als wolle er zustechen. fleck steht völlig unbeeindruckt da.

fleck: trocken ich hab’ kein herz.

earp: lacht übertrieben du bist ja vielleicht ein scherzkeks ... kein herz, hihi ... . witzbold.

fleck: ich hab’s mir rausmachen lassen.

whistler: von der seite dann wärste ja tot ...

fleck: ich bin tot.

earp: lacht gekünstelt, doch ein wenig irritiert guter spaß, wirklich! aber wer steht dann vor mir? ein gespenst? ein zombie?!

fleck beginnt ohne eile sein hemd aufzuknöpfen. eine lange, weiß gewordene narbe zieht sich unter dem hals senkrecht nach unten. die augen der beiden werden groß und größer. ein wenig scheint sie fleck aus dem gleis zu bringen.

fleck: verzieht spöttisch das gesicht wer von euch beiden ist denn noch am leben?

whistler: der hat sie nicht alle. komm, lass uns verschwinden. whistler ab.

fleck: habt ihr je gelebt? oder bildet ihr euch vielleicht nur ein, zu leben?

earp: du spinnst, aber irgendwie gefällst du mir.

fleck: könnte ein mensch ohne herz leben?

earp: schaut fassungslos nicht allzu lange. bist du ein mensch?

fleck: das ist möglich.

earp: hör zu, du bist in meinen augen der größte chaot, den ich je getroffen habe. aber völlig harmlos, ich mein’ ungefährlich. scheinbar ist dir deine operation (was immer man dir da malt mit dem zeigefinger einen senkrechten strich auf seine brust herausoperiert hat) nicht bekommen. zudem bist du irgendwie ... na ja ... religiös, oder so. hast du einen deal mit gott?

fleck: nicht nur mit dem.

earp: blickt völlig irritiert was?!

fleck: versunken bist du denn ein mensch?

earp: wundert sich über gar nichts mehr. er spickt sein messer gespielt lässig in einen baumstrunk, der am boden liegt. was sollte ich sonst sein?

fleck: der gott der wegwerfwelt ...

earp: schreit mit erheiterter entrüstung ein was? ein gott? der wie-bitte-welt?!

fleck: der wegwerfwelt. sich selber suchen, finden und neu zusammenfügen. wie einen bausatz. hier kann man seine zukunft finden. das neue leben liegt sozusagen auf der straße –

earp: sieh zu, dass du schleunig land gewinnst!

fleck: leise liebst du die menschen? leiser liebst du jemanden? noch leiser liebst du irgendwen? flüstert liebst du dich selbst?

earp: lässt ein verkrampftes gelächter hören und geht hastig davon, ruft im weggehen: schönen gruß noch, an den lieben gott.

*

es war lange her, dass fleck alleine am dunklen stadttor unterwegs war. als er jetzt den ersten schnee fallen sah, erinnerte er sich. es war schon herbst gewesen. fleck hatte nicht den eindruck, dass er je ans licht kam, so hell die sonne auch schien. immer hing das trübe über der stadt. immer wieder trieb es ihn hinein in schächte, röhren, gänge, aufzüge, tunnels. dort, wo ihn niemand kannte, war es erträglich. dort, in den künstlichen kuben, in den einkaufsmärkten, in den anonymen hallen, auf den großen boulevards. kinder, die ihm mit auswendig herausgeleierten sprüchen zeitungen in die hand drücken wollten.

es lag schnee: eine feine, unberührte schicht (weißer samt). schnee. auf dem fleck als allererster ging. er wandte sich kurz nach seinen fußstapfen um und schmunzelte.

14 ausverkauf

 

die jahreszeiten machten ihn schwindelig. ein grausen, wie sich alles drehte: in seinem kopf: ein kreiselndes drehen, rasende launen der natur, ein karussell der temperaturen, kreisläufe des blühens. die welt flog an ihm vorbei, unaufhaltsam.

ein mann tauchte auf.

<guten tag>, sprach er durch weiße zähne hindurch, <ich möchte ihr bestes kaufen!> wisperte er zwinkernd, <was haben sie?>

fleck spürte den zugriff dieser worte, spürte durch die kühlenden bäume etwas wie die schattigen fingerspitzen des herbstes; eine gewisse melancholie, die sich milde herabließ. nach und nach kroch kälte nach.

<was haben sie?>

fleck deutete zögerlich mit dem zeigefinger auf seine brust. ein paar blätter fielen.

fleck schwieg.

<ja, bitte!> gluckste der herr lechzend herum, eine gewaltige unruhe verbergend. der herbst flog behände vorbei. fleck knöpfte schwerfällig sein hemd auseinander. das gesicht des herren verzerrte sich erwartungsvoll mit jedem geöffneten knopf mehr.

<oh ... !> rief der herr aus. erste schneeflocken fielen.

<na ja, dann ...>, winkte der herr ab, mit jovialem lächeln (ein einstudiertes breites grinsen – er gefiel sich mit diesem lächeln) <... kann man eben nichts machen>, er schien sich fast entschuldigen zu wollen. <vielleicht ein andermal>, schob er noch hinterdrein, <nichts für ungut>, sprang er flugs davon.

die kälte zog an. fleck hatte das gefühl, seine jacke sei zu dünn für solche temperaturen. das, wonach er suchte, konnte er nirgends entdecken; manchmal, wie jetzt, im beginnenden frühjahr, zog seine narbe ein wenig.

fleck rieb sich die augen. ein bisschen drang nun schon die sonne durch die geschlossene wolkendecke; er war sich etwas unschlüssig, wohin er sich nun wenden solle. zumal er nicht fand, wonach er eigentlich suchte –

der frühling kam. fleck war es, als hörte er eine musik erklingen; als könnten gladiolen musizieren. er spazierte an einem schwarzen gatter vorbei, hinter dem ein kleiner garten angelegt war, mit anemonen, butterblumen, chrysanthemen etc. wie ein knick lief eine gerippte wolkenbank über den himmel.

<haben sie ein herz?> trat eine frau aus einem hausflur heraus auf die straße, leicht bekleidet, und entblößte vor seinem gesicht zwei brüste.

<oh ... !> fuhr es aus fleck.

der sommer kam, sie wog ihre brüste auf den handflächen hin und her.

<na, mein herr, haben sie ein herz?> fragte sie auffordernd.

blätter sausten um ihn, ein blutrot gefärbtes ahornblatt blieb auf der brust der frau kleben.

<oh, es regnet!> sagte fleck, zog seine jacke bis zum hals zu und ging davon.

<für sie kostet’s nur fünfzig! ...>

garantiert frische herzen, dachte fleck und lächelte säuerlich.

<kommen sie schon!> rief ihm die dame mit heiserer stimme hinterher.

da traten noch weitere frauen heraus, die wohl das schrille rufen ihrer kollegin gehört hatten.

<hallo, mein süßer herr!> lockten sie, <kommen sie, kommen sie!>

manche von ihnen trugen grellrote plastikherzen an schnüren, andere fuhren mit schlittschuhen auf der eisbedeckten straße herum; alle trugen neckische dessous. dabei war es bereits bitterkalt geworden. fleck kaufte von einer freundlich lächelnden dame ein rotes herz an der schnur. vielleicht könne ihn dessen rot ein wenig wärmen, dachte er.

 

déjalo ya,

no seas membrillo y

permite pasar

 

<na, mein süßer, noch ein zweites herzchen gefällig? hm?!> sie spitzte ihren mund zu einer kussschnute. doch fleck ließ sich kein zweites herz mehr aufdrängen.

<ich bin komplett!> sprach fleck, während ihm ein weicher sonnenstrahl durch die wolken fiel.

eine amsel sang ihr lied

weich glitt die straße unter seinen sohlen hin. einen moment fragte er sich, ob nicht die promenade es war, die sich unter ihm bewegte. durch die baumkronen der allee fielen helle flecken sonnenscheins vor seine füße und sprenkelten die allee wie einen flirrenden laufsteg. das glück war grün.

er versuchte, mit den fußspitzen auf dem muster der sonnenmalereien zu tanzen. fleck knetete vor freude sein herz, bis es mit lautem knall zerplatzte.

da fand er ein erstes gefallenes ahornblatt

er ging über den platz und blickte in einer kleineren seitengasse in die schaufenster.

als wäre es vereinbart gewesen, schlossen sich fleck drei herren im frack an, die ihn an einer ecke abgepasst hatten. sie trugen schwarze zylinder. ein paar tropfen erwischten ihn an der wange. er blickte unwillkürlich zum himmel. die wolke, die direkt über ihm hing, hatte einen ungesunden braunton, dennoch war es drückend schwül. der boden scheckte sich mit kleinen flecken. ein sommergewitter?

fleck musterte die drei herren, die unterschiedlich groß waren und in der reihenfolge ihrer größe vor ihm standen. der kleinste hatte seinen zylinder abgenommen und fächerte sich ein wenig kühlenden wind zu.

<da sie schon ihr haus nicht verkaufen wollen>, begann der vorderste sehr forsch, <lassen sie uns doch wenigstens ihr herz beerdigen.>

fleck schwitzte unter der last der sonnenglut.

<wie sie möchten>, antwortete fleck erstaunlich gefasst, und übergab ihnen den roten ballonlappen.

die drei herren tupften sich mit taschentuchzipfeln gekünstelt ein paar tränen aus den augenwinkeln.

<sie ärmster>, sagte einer.

<macht drei fünfzig>, brachte ein anderer gepresst heraus.

fleck dagegen fragte: <wo wird es beigesetzt?>

ein kühler wind ging. der himmel bedeckte sich. es wurde schnell herbst. die drei schwiegen zuerst pietätvoll. fleck winkte ab, noch bevor einer der herren –die sich schon sekunden später gegenseitig das wort abschnitten – vollends antworten konnte und machte sich davon. er ließ sie stehen und rief den dreien dann aus weiter ferne noch hinterher: <wo ist denn der herzensmarkt?> einer der herren lief ihm nach und flüsterte zurückhaltend (aber geschäftsbewusst): <mein herr, unser honorar ...>

fleck zuckte die achseln.

<ich verstehe, ich verstehe. mein aufrichtigstes beileid. hier meine karte ...>, sagte der eine herr und drückte fleck ein vollkommen schwarzes kärtchen in die hand, in das, schräg gegen die sonne gehalten, ein eingestanzter name zu lesen war:

 

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ein paar hagelkörner prasselten auf die erde.

<sagen sie mir, wo ist der herzensmarkt>

<zwei straßen vor, zweite ampel links, zweite einfahrt zur herzensgasse – viel glück!>, haspelte der herr heraus, setzte seinen klappchapeau auf und war auf und davon.

<viel glück! –> sagte fleck leise zu sich selbst.

pünktlich zum wintereinbruch erreichte fleck die herzgasse, eine gerade straße, in die ein hässlich kalter wind herein schnitt.

überall gab es herzen in den auslagen: kleine, große, dicke, schmale, dünne, aus allerlei papieren, aus zellofan, holz, gummi, plüschfell – und sogar aus metall. alle pulsierten auf ihre eigene art. fleck blickte neugierig. herzen, effektvoll mit lichterketten, kunstvoll drapierten schleifen, andere aus leder mit moschusduft etc.

da hörte er neben sich eine heiter hingepfiffene melodie. fleck fühlte einen augenblick seine ganze schwere von sich abfallen, als ihn die munteren töne aus tiefen gedanken rissen. er drehte erstaunt den kopf. ein junge mit geröteten pausbacken sah ihn an. auch der junge schreckte in dem moment, als er fleck in die augen sah, aus einem wachtraum hoch.

<na, mein herr?> sagte er, <brauchen sie nicht auch mal wieder ein neues herz – jetzt im frühling?!>

fleck strahlte über den frohsinn des jungen und freute sich.

<ja, natürlich, junge ...>, sagte er nachdenklich. ein foto seines großvaters kam ihm in den sinn, wie er breitbeinig in seiner schützenuniform todernst mit einigen kameraden vor der kamera posierte.

<jetzt, wo es doch bald sommer wird ...>

fleck war es, als könne er goldene vögel in den glänzenden augen des jungen fliegen sehen. <ein neues herz, ja ... das wär’ ein ding ...>

nun brannte die sonne so stark herab, dass der kleine sein käppi weiter ins gesicht zog.

<na, ich würd’ mir ja an ihrer stelle ein praktisches herz kaufen! seh’n sie mal; das da zum beispiel ...>

der junge deutete auf ein herz, das schnittig aussah: flach und fast stromlinienförmig, klein und handlich, ohne irgendwelche schnörkel und rüschen; glatt und vollkommen silber.

<ja, das ...> fleck kam ins stocken, <das! – ist ein tolles herz.>

<das tut’s doch! nicht? schnell! holen sie sich’s! aber holen sie sich’s jetzt, wo’s noch sommer ist!>

<ja!> versprach fleck, und beinahe war einen moment etwas von der begeisterung des jungen in seiner stimme.

der junge war fort. fleck wurde etwas kühler zumute. der himmel hatte sich bedeckt. unglaublich, wie schnell das doch gehen kann, dachte fleck. er blickte in das schaufenster und kam so nahe mit dem gesicht ans glas, dass er unwillkürlich zurückschritt, als sich der hauch seines atems vor ihm auf der scheibe abzeichnete.

da kam plötzlich wieder der junge mit einem skateboard angerauscht.

<na, immer noch nix gekauft? dabei hatten sie doch die gelegenheit!> rief er im vorbeifahren.

ein mädchen, das hinter ihm stand, kicherte. fleck verstand die welt nicht mehr. das mädchen trug bereits ohrenschützer. es war mit einem mal sehr kalt geworden.

<ist ja nicht schlimm>, sagte das mädchen, zu fleck gewandt. <schauen sie, es gibt ja auch wintermodelle. aber>, sie stockte kurz, <irgendwann sollten sie’s tun ... sie werden sehen, es ist ein himmelweiter unterschied!>

ihre stimme klang so froh.

fleck rieb sich beide hände aneinander.

<ich hab’ mir dieses jahr ein frühlingsherz gekauft>, schwärmte sie. <aber sie... . sie sind eher ein herbsttyp, stimmt’s?>

<spätherbst ...> log fleck.

<toll! na dann?! sehen sie das große blaue dort hinten? nichts wie rein in den laden, und grüßen sie drinnen von emerald.>

<ja, mach’ ich!> imitierte er den lebendigen singsang in ihrer stimme.

das mädchen war, noch ehe sich fleck richtig zu ihr umgedreht hatte, mit einer blitzartigen geschwindigkeit aufs fahrrad gestiegen und davon gefahren. unglaublich, wie schnell die jungen leute doch fahren können, dachte er. als fleck sich anschickte, durch die tür zu gehen, stand dort in markanten lettern:

 

Im Winter vom 31.11. bis zum 31.01. geschlossen

 

dabei gibt es doch gar keinen 31. november, sann er kopfschüttelnd. das nämlich wäre genau sein tag gewesen.

<schönen neujahrstag!> rief ihm da ein pärchen zu, das heiter lachend quer über die straße flanierte. die frau trug ein plietschblaues ballkleid.

<suchen sie ein neues herz zum neuen jahr?> warf sie kichernd herüber.

fleck starrte auf das quietschige kleidchen, bis die beiden um eine hausecke drehten.

ein älterer herr stand neben ihm. fleck drehte den kopf. der herr nickte ihm freundlich zu.

<suchen sie?> fragte er still.

<ja, ja ...> kam es aus fleck.

<na, da haben sie sich ja einen schönen termin ausgesucht! ihnen würde doch ein kristallherz gut stehen.>

plötzlich bemerkte fleck im augenwinkel die große menschentraube, die sich unversehens hinter ihm gebildet hatte. als er sich umblickte, sahen die leute verlegen zur seite oder zu boden, gingen sogar ein wenig weiter, als stünden sie nur durch zufall hier.

<sie stehen hier jeden tag und blicken den ganzen tag durchs fenster.> sagte eine frau halblaut, zu ihm hingeneigt.

da hörte er den jungen mit dem skateboard wieder.

<... und er kauft ja doch kein herz! hihi!>

und lachend war der junge schon wieder fort, sein board unter dem arm. das lachen des kleinen schnitt ihm (grell) in die ohren. die menge hatte sich zerstreut. wieder wurde es ein wenig wärmer.

eine ältere dame trat zu ihm hin und fragte: <sagen sie, darf ich ihnen behilflich sein?>

fleck blickte irritiert.

<junger mann, ich weiß, was ihnen fehlt. kommen sie doch mit mir in den laden. ich werde ihnen eines ... oder, verzeihen sie>, sie lächelte souverän, <ich werde mit ihnen zusammen eines aussuchen!>

ihr lächeln war eine mischung aus elegantem witz und wärmstem zutrauen. fleck war hingerissen.

<lassen sie sich eines sagen>, sprach sie ihm leise zu, <die besten stücke sind doch sowieso umsonst.>

fleck starrte sie ungläubig an. sie nickte eifrig und lächelte dabei.

<kommen sie, kommen sie!> sie winkte ihn mit freundlicher geste zum eingang.

erst jetzt las er den namen des geschäft:

 

Styck’s Herzensmarkt

(nur frische Ware)

 

fleck ging mit der frau in den laden. ein seltsamer duft lag in dem geschäft, der ihm nicht unangenehm war; etwas verstaubtes (aber gut aufbewahrtes) angesichts all der ladenhüter lag in der luft. fleck konnte sich ein schmunzeln nicht verkneifen. die dame hatte einen recht herrischen schritt und stellte ihm wie in einer ausstellung die exponate vor, indem sie ihm alle herzen erklärte.

<sehen sie, dieses hier zum beispiel ist ein echtes modeherz. es ist eigentlich eine imitation, eine kopie vom original, das hier drüben liegt, aber plüschiger und nicht so fein gearbeitet ...>

es war ein selbstbedienungsladen. fleck sah keine menschen in diesem laden. erst als sie weiter vordrangen, sah er hinter dem großen glastresen ein kleines weißhaariges männchen sitzen.

die dame zeigte mit ihren rosa lackierten fingernägeln (was fleck abstoßend fand) auf allerlei herzen. dabei sprach sie von seinem <typ> und was sie seinem <typ> anempfehlen würde. fleck hatte das gefühl, sie verstehe sehr wohl etwas von herzen, aber verwechsle ihn doch immerfort mit einem <typ>, dem er wenigstens in seinem innersten keineswegs zu entsprechen glaubte.

das geschäft war größer, als es dies von außen erwarten ließ; ein wahrer supermarkt der herzen –

<mein herr, sie brauchen ein elegantes herz, eines – das etwas herbes hat. sie sind weiß gott kein blumiger typ. schauen sie, dieses hier zum beispiel (sie zog eines heraus), es ist groß, sehr groß sogar, und ich meine, ihnen stehen nur sehr große herzen. es hat etwas herbes, es ist schön gearbeitet, mit einer ledernote, es ist weich und dennoch robust; auch der farbton ... was meinen sie? gehen sie und probieren sie es ...>

das wetter machte offenbar einen umschwung. selbst in dem beleuchteten innenraum kühlten alle farben ab.

einen augenblick lang versuchte fleck zu verstehen, warum die frau dies für ihn tat. er hörte ihre worte nicht, sondern nur die melodie ihrer stimme: eine kupferfarbene wellenbewegung. seine augen glänzten. er ließ sich auf den wellen ein wenig treiben. fast schloss er die augen.

<... sie können es zu jeder jahreszeit tragen. es kleidet sie ungemein und verleiht ihnen sogar eine besondere note. es macht sie – sie werden es nicht glauben – ungemein attraktiv –>

das war eine ausgemachte unverschämtheit. er wurde unwillig: niemand müsse ausgerechnet ihm herzen erklären! in diesem moment kam auf einmal seine mutter in den laden. fleck spürte eiseskälte trotz der mittlerweile wieder sommerlichen temperaturen. der frost zog ihm stark in den beinen, obgleich er im laden stand. die mutter erblickte ihn, vollkommen entrüstet, bahnte sich ihren weg und begann, grußlos zu schimpfen.

<wie kannst du nur? du hast dein herz bereits vergeben! weißt du das nicht, junge?>

sie wollte fleck am handgelenk nehmen, doch dieser schüttelte sie brüsk ab. herbstliche falten hatten sich auf mutters gesicht gebildet. er sah sie aus der nähe. sie kam ihm sehr nahe mit ihrem gesicht. fleck empfand die eindringliche nähe zu seiner mutter als äußerst unangenehm. immer wieder versuchte sie ihn zu berühren. ihr gesicht wurde vor seinem gesicht riesengroß.

<junge ... wo warst du nur so lange? wo bist du immerfort geblieben?> die vollkommene kälte ihrer augen fuhr ihm wie ein eiszapfen unter die haut.

<was willst du von mir?> entgegnete fleck laut und bestimmt und ließ seine mutter stehen. sie versuchte ihm zu folgen.

er sehnte sich nach seiner beraterin zurück und drehte sich ihr zu – hatte er doch schon gleich ein großes vertrauen zu ihr gefasst. obwohl er wusste, dass sie ihm niemals das finden würde, was er suchte, so hatte sie doch einen gewissen charme, der ihn mitzog; obgleich er sich neben ihr ein wenig unmündig fühlte, wirkte sich doch insgesamt sehr kundig und selbstbewusst. denn letzten endes sei es ihm ja sowieso gleichgültig, was er für ein herz trage. und für sie ist es gewiss nur ein netter zeitvertreib, ihm ein neues herz zu verpassen, dachte fleck.

so trieb er in diesem laden umher wie ein schiffbrüchiger, orientierunsglos und hilflos. er hatte sich zuerst an die dame geklammert wie ein ertrinkender, an ihren humor und ihren sicheren schritt. fleck fühlte zum ersten mal die chance, endlich, endlich! mut zu fassen und sich mit einem neuen herzen auszustatten. das glück, so schien es ihm einen kurzen (rauschhaften) moment, war doch zu haben, wenn man nur ...

die dame war verschwunden.

<fabian!> fuhr ihn seine mutter rücklings an, – als ob sie seine gedanken mitgelauscht hätte: <es gibt keine konfektionsherzen! glaub’ es mir doch. es gibt keine herzen von der stange.> mutters stimme sank tief, wurde sehr ernst und brüchig.

<du hattest doch so ein großes herz! mein gott – und du hast’s hergegeben!> in ihrer wut lag verzweiflung.

fleck sah zu boden, um irgendwo mit seinem blick halt zu fassen. ein paar sekunden war er richtig froh, dass er es hergegeben hatte. in tausend himmelsrichtungen verstreut, in fetzen zerstoben (die irgendwo vor kälte erstarrt lägen), begraben neben dem bordstein.

wenn sie sich doch sofort in luft auflösen würde! und alle herzen dazu!

<komm mit, das hier ist nichts für dich.> fleck spürte so etwas wie ohnmacht, einen anflug von verzweiflung. obwohl er längst ein erwachsener mann war, konnte er nur mit not dem drang widerstehen, dem energischen <komm ...> seiner mutter zu folgen.

alle herzen in dem laden prangten einen moment umso farbiger. gespiegelt durch einen glanz in seinen augen drehte sich der laden um ihn wie ein vielfarbiges karussel.

als kleines kind hatte er sich die grundschule wie ein karussel vorgestellt, an dem man sich tag für tag traf, auf bunte lustige gefährte aufsaß und im kreis herumfuhr.

und wie es in ihm rumorte! natürlich hätte er sein herz nicht hergeben dürfen! und wie genau er das doch wusste! es war ein fehler gewesen, vielleicht der schwerste seines lebens. aber war es nicht gerade das reizvolle am leben, die große freiheit zu besitzen, große fehler zu begehen? und beging diesen fehler nicht jeder irgendwann?

<fabian!> bemühte sich die mutter lautstark.

jeder würde auf einem anderen gefährt aufsitzen, tag für tag, einmal auf einer giraffe, den nächsten tag auf einem löwen, dann wieder auf einer antilope, einem strauß, einem leoparden ...

<lass mich, mutter>, versuchte fleck sich loszureißen, <dort drüben sind sonderangebote und second-hand-herzen.>

<second-hand-herzen?> rief sie schrill. <junge, du weißt nicht ... du verausgabst dich ...>

fleck drehte sich um und wandte sich mit schnellen schritten in eine andere abteilung, so schnell, dass seine mutter, die ihm zunächst protestierend folgte, ihn außer augen verlieren musste. <fabian! ... fabian!> hörte er sie eine weile verzweifelt rufen.

in dieser abteilung hingen vor einer leicht vergilbten tapete schnörkelige herzen in allen größen an der wand. es schienen restposten zu sein. fleck hob langsam die hand, um sachte ein herz zu betasten. i like the way you twist ... tönte aus dem lautsprecher ... i’ve got my eyes on you.

<nicht anfassen!> keifte da eine ältere frau aus dem hintergrund, die wie eine kröte hinter der auslage gelauert hatte. dabei hatte seine hand noch nicht einmal den eigentümlich schillernden stoff berührt. und fleck wollte doch nur wissen, wie sich das material anfühlt, denn das musste er ja beim kauf eines herzens wissen! als die frau umständlich herantrottete, ging er fort.

das licht hatte etwas trübes, ja betrübliches bekommen. es schien fahl zum fenster herein.

ein kleines treppchen führte hinab in ein hinterzimmer. dort unten waren keine fenster mehr und alles war erleuchtet von fahlem neonlicht. die wände waren grellweiß, weswegen fleck einen moment zögerte, wirklich hinein zu gehen. er fand den raum ungemütlich. aber er sah einige leute. langsam verlor er die lust an den herzen.

er wünschte, dass sie hoffentlich endlich gegangen sei, als er nichts mehr von seiner mutter sah noch hörte. er ging weiter.

ein studentisch jungscher typ fledderte mit seinen langen fingernägeln in der ware, die in einem wühltisch auslag.

 

Winterschlussverkauf! Alles zum 1/2 Preis

boom-boom! alles muss raus!

 

stand auf einem schild geschrieben.

fleck sah nur hände.

hände, wie sie sich durcheinander schoben, sich bewegten, in die ware hinein schlängelten, an einzelstücke heran drängelten, herzen heraus zerrten, sie befühlten, an ihnen herum drückten; sie beiseite legten und wieder auf ein neues achtlos hinein grapschten, es auseinander legten; ein anderes hervorwühlten und auch dieses dann bald mit beinah abfälliger geste wieder fallen ließen. diese herzen hatten nichts spektakuläres, sie waren teils eigenartig schlicht, oder sahen gewissermaßen billig aus. ein paar waren bestimmt schon schadhaft, dachte fleck.

an einem anderen wühltisch sah fleck eine junge frau, die ein großes rosa herz heraushob.

einen kurzen moment musste er an die zahl seines geburtsjahres denken. die zahl war wie ein wiegenlied. vorne, wo die zahl begann: warm und voller klang; hinten, wo die zahl endete: rund und angenehm.

gab es gott?

fleck sah die frau das herz betrachten, wie sie es (da es schlaff herab hing) ein paar mal drehte und wendete, dann wieder von sich legte und betrachtete.

er hörte in sich eine schnelle folge von melodien: charthits eines vergangen jahrzehnts; sein kopf drehte sich wie ein plattenteller, ein paar hits stoben durch sein gehirn; fast war es ihm, als spiegele ihm das helle sonnenlicht barcelonas in die augen. die frau war jung und äußerst attraktiv. sein schritt wurde weicher. er fühlte ein bedürfnis zu tanzen und gleichzeitig ein schwächerwerden in den knien.

das herz schien ihm etwas größer zu sein als die anderen herzen in diesem wühltisch. ein richtiger gummilappen war das!

mein gott! ein großes herz würde ihm stehen! aber mit der <ledernote>, von der die dame gesprochen hatte – was auch immer das sein konnte – hatte er arge schwierigkeiten. dabei hatte sie sich gut ausgekannt und war die erste, die ihm wirklich zu einem herzen verhelfen wollte.

 

entre dos tierras estas

y no dejas aire que respirar

 

fleck stand auf dem treppchen und blickte hinunter in dieses einkaufsparadies. als er wieder zum wühltisch hinübersah, bemerkte er, dass die junge frau das herz herausgenommen hatte und damit zur kasse marschierte. fleck ging ihr schnell hinterher. es war kein blumiges herz. es war nicht wirklich schön. aber es war groß und rosa.

fleck war kein ledernacken, hatte nicht im entferntesten eine verwandtschaft mit einem holzfäller, haudegen, hauruckmenschen oder sonst etwas derart duftend-rassigem, das diese dame in ihm sah und trotz ihrer (großartigen) hilfsbereitschaft von seinem <typ> fabulierte ... es war ihm, als wäre plötzlich alles licht im raum erloschen, als hätte die kälte im raum schlagartig zugenommen.

keine sonne. kein wind.

jetzt erkannte er es.

<halt, das ist meins!>, kam es unwillkürlich aus ihm. <es ist meins!!>, rief er noch einmal, lauter als vorher.

fast hätte er sich den mund zuhalten müssen. er hastete hinüber.

die frau guckte ihn verwirrt und empört an.

<was ist denn mit ihnen los? dieses herz hier –>

<– es gehört mir.> sagte fleck.

<was ist denn in sie gefahren? ich habe es mir ausgesucht und ich werde es mir kaufen!>

<das können sie nicht. es steht nicht zum verkauf ...>

sie lachte perplex.

<und ob ich es kaufen kann!>

<verzeihen sie, das ist mein herz!!> er wollte ihr das herz aus der hand nehmen.

<lassen sie los!> rief die frau energisch und warf mit einer bewegung ihre haare zurück.

verzweifelt blickte er um sich. die kollektion wurde gerade entfernt und ein neues schild aufgestellt.

die frau reihte sich an der kasse ein. fleck stellte sich erhobenen kopfes vor sie.

<bitte seien sie doch vernünftig! dies ist mein herz. bitte geben sie es mir zurück.>

<was soll denn das? gehen sie mir aus dem weg.> sie gestikulierte heftig, <lassen sie mich jetzt bitte dieses herz kaufen!!>

<es gehört mir, ich darf es nicht verlieren.>

<was wollen sie damit sagen? sie sind ja ... sie sind ja ...>

die frau wollte ihn mit zittriger hand zur seite schieben.

 

boom-boom!

Sommerschlussverkauf. Alles zum 1/2 preis

 

las er auf dem neuen schild.

<... verrückt sind sie, jawohl! verrückt!! verrückt!!!>

fleck wurde es augenblicklich übel.

<bitte geben sie mir dieses herz zurück.>

<was soll denn das? es ist meins!>

<nein.>

sie blickte fleck an wie einen komplett verrückt gewordenen.

<und selbst wenn es einmal ihres gewesen ist ...>

<warum möchten sie ausgerechnet dieses? es war meins!>

<... dann war das einmal.>

nun erkannte er die frau. es war mylinda.

er blickte ins tiefe labyrinth ihrer augen. Aurora (seine sonne) stieg auf den blaugeschliffenen himmel.

<mylinda.> sagte er ruhig.

sie regte sich nicht.

<und jetzt gehen sie bitte zur seite.>

<mylinda.> sagte er. sie sah ihm bohrend ins gesicht.

<hör zu, fabian>, sagte sie, <du kannst ein gegebenes herz nicht zurückfordern. ein herz ist noch mehr als ein wort. hättest du mir nur dein wort gegeben, gäbe ich es dir zurück. aber ein herz zurückgeben!?>

sie schüttelte den kopf und lächelte mitleidig.

da kam sein vater. mit ihm trat sonne in den raum. fleck war nicht einmal erstaunt, seinen vater hier anzutreffen. wolkenbrausen.

(geigentöne)

sofort hatte vater die situation erkannt.

<geben sie’s ihm zurück.> sagte sein vater zu mylinda. <er ist mein sohn, er hat nur dieses eine.> hagelstürme.

<dieses eine hat er mir gegeben!>

<er gab es ihnen. aber er wusste nicht, was er tat! er hat es verloren.> gewittertosen.

<nun, ist es meins. aber wenn sie meinen, dass er leichtfertig sein herz verschenkt? was liegt dann noch daran ... ?!>

<können sie nicht verstehen, dass er es aus übereifer tat? es war nicht einmal le ...> peitschender sturm.

mylinda lachte schallend.

<ach ja? ein irrtum? jemand verliert also sein herz wegen eines irrtums?>

ein irrtum! fleck schüttelte den kopf, ganz als ob er versuche, die wirbel der witterungen abzuschütteln.

<war es ein irrtum, fleck?> fragte mylinda leise.

fleck schwieg.

die chemie ihrer küsse

<jeder kann sich irren>, fiel sein vater dazwischen, <irren ist menschlich. menschen verlieren ihre herzen ...>

<hör auf!> schrie fleck.

mylinda fuhr sich ungeduldig durch die haare. dann fasste sie sich mit beiden händen ein herz und sah es an. sommerbrise.

<geben sie es ihm doch zurück, bitte ...>

mylinda lachte bitter. ihr blick pendelte zwischen vater und sohn hin und her, schweifte abschätzig, betrachtete beide von oben bis unten, ganz als ob sie sich nicht entscheiden konnte, was für sie schlimmer wog: die hilflosigkeit des sohnes und seine ohnmacht, sich vom vater helfen zu lassen – selbst nicht manns genug, sein herz zurückzufordern; oder die unbeholfenheit des vaters, der flink beisprang und dem sohn zur hand ging, im grunde ebenso hilflos mit binsenweisheiten einen verrat zum <irrtum> herunterzuspielen suchte.

sie warf das herz in flecks richtung.

<hier hast du dein dummes irrtum-herz ... !> schrie sie voller schmerz.

es plumpste vor ihm wie ein sack zu boden. fleck drehte sich brüsk um, wollte davongehen.

<so nimm’s dir doch ruhig. es ist doch deines. es gehört dir nun wieder!>

vaters stimme bekam etwas übereifriges und gleichzeitig wisperndes.

fleck fühlte etwas schäbiges dabei, sein herz auf diese art wieder zu bekommen, es wie ein bettler vom boden auflesen zu müssen. schließlich war seine liebe zu mylinda kein irrtum gewesen.

<na, es ist doch deins!> neckte der vater nun fast.

<ja!!!> schrie fleck aufgebracht. erst jetzt sah er die menschentraube, die sich um die streitenden gebildet hatte. mylinda war wütend davongelaufen.

da lag es. groß, schwabbelig, rosa. vater nahm es vorsichtig auf. fleck rührte sich nicht von der stelle. auf ihm lag etwas gebrochenes. beide schwiegen.

<willst du es dir wieder einsetzen lassen?> fragte vater voller begeisterung und legte es ihm auf den arm.

das war es! warum er seinen vater hasste. eine solche frage zu einem solchen zeitpunkt.

das interesse des vaters begann erst zu erwachen, als fleck keinerlei reaktion zeigte. noch bevor vater etwas wie: <man spielt nicht mit herzen> hatte sagen können, legte sich fleck das herz vorsichtig an die brust und ging (traumwandelnd) hinaus ohne zu bezahlen.

er hörte, wie vater mit der kassiererin verhandelte. das war das metier seines vaters: bezahlungen pünktlich und genau zu erledigen.

fleck atmete wieder durch. endlich war er aus diesem einkaufscenter draußen. was wusste vater schon von herzensdingen? war doch alles, was begehrt war, ein wenig gebraucht und knittrig und hatte den flair des abgegriffenen, dachte fleck.

aber er hatte sein herz wieder –

15 wald in der stimme

 

si yo no tengo la culpa de verte caer.

 

fleck fühlte sich wohl, weil er niemanden kannte. man könnte fast sagen, das wurde ihm zum wesentlichen lebensgefühl: niemanden zu kennen. die welt war gar nicht so kalt, wenn man niemanden kannte; nur das vermissen kühlte die welt ab. wer wärme nicht mehr gewohnt war, konnte sie nicht vermissen. fleck wollte niemanden mehr kennen: unangenehm waren ihm all diese berührungen. lieber noch die kalte eiseskälte der Großen Stadt, ihre großen hallen und entleerten räume, ihr gut gesäubertes innenleben und ihre glatt polierten oberflächen, als die dumpfen tavernen, in denen der atem der vielen und ihre ausdünstungen zusammenflossen, ihr gerede babylonisch durcheinanderhallte, dumpfe witze hindurchpolterten, von meckenerndem wieherndem schepperndem brüllendem tosendem wüstem lachen begleitet; weindurchsungen, branntweindurchzittert, bierdurchsogen

durch ein meer von geigentönen schwimmen. mit beiden beinen im leben stehen: die reife des sonnenlichtes, singende matrosen. ihre bärbeißigen witze, wenn sie in der sonne lachten. kartenspiele und ungetrübtes. ein pianist, geigentöne. wein dezent, aber ausreichend. gesang. rauchgrazien; dort am tisch unter kühlender marquise; heiteres palaver. flecks kopf brauste wie eine turbine. gedanken zerfetzten in allen richtungen

in seinem kopf tauchte ein bild (von renoir) auf, verschwand wieder, undeutlich; er hatte es einmal vor vielen jahren gesehen. freude: ein gelb, das ihn mit seiner fröhlichkeit blendete

fleck trug wald in der stimme –

in etwas schönem schwimmen, sich ganz hingeben; aufreizende parfums, luftige gespräche, small-talk, perliges lachen, nichts war perfid. ein tag wie sommerwarmes geigenspiel. heitere balkon-plaudereien, dazu feines essen genießen, selbst zubereitete salate, frisches braunes brot

ob sein vater jemals ein herz besessen hatte? fragte sich fleck

ob irgendwer je ein herz besessen hatte

16 kraftfeld

 

fleck fuhr mit einem x-beliebigen aufzug nach oben und kam auf einem parkdeck heraus. er kam nahe an die absperrung. man hatte ein rotweißes band gezogen.

er fühlte sich blockiert von einer gegenbewegung, aufgehalten von einer kraft, die ihn zurückschob – erst sanft, dann eindringlich. der anziehung wirkte eine abstoßung entgegen: ein abgestoßensein, als wäre fleck ein winziger eisenspan, der sich dem sog eines großen magneten (kupferfarben) näherte, der aber schon in der annäherung mit vielen anderen spänen auf eine äußere kraftbahn abgedrängt wurde.

hände, die ihn zurückdrängten. dann stimmen, die scharf und deutlich aus dem dunkel herausbellten, ohne dass er imstande gewesen wäre, wirklich ein gesicht wahrzunehmen. nebelschlieren. eine serie von scheinwerfern beleuchtete durch nebligen hauch hindurch das objekt inmitten der absperrung.

fleck kam nicht näher hin, so sehr er auch versuchte, gegen die massenbewegung anzudrücken, umso mehr, da der mittelpunkt der absperrung der einzige ort war, der ihn unwiderstehlich und mit macht anzog, sofern er sich auch nur ein wenig drehte, – der ihm so etwas wie zuflucht oder heimat bedeutete.

doch seine heimat war abgeschottet von einem unsichtbaren und undurchdringbaren sperrgürtel aus kräften und kraftlinien, gegen die er nicht ankam. die luft schwirrte förmlich vor jenem fänomen, das er im ungünstigsten fall als <geräusche> wahrnahm. ein hektischer apparat an gegeneinander reibenden, durcheinander sirrenden, umeinander wirbelnden einzelkräften bewirkten, dass er immer wieder abgedrängt wurde.

mit höchstem interesse betrachtete er (sofern der blick frei war) die beinahe organisch wirkende außenhaut des objektes, die sich in weißlichen scheinwerferkegeln fing und einen eigentümlich perlmuttnen glanz bekam.

das innere wäre ohnehin entweiht, dachte fleck, von einer unzahl von händen, die alles mit nüchternem kalkül befühlten, untersuchten, archivierten, entwerteten – was sein ein und alles gewesen war!

und erst jetzt hörte er eigentümlich verzerrte und abgehackte stimmfetzen (funkgeräte?), konnte umso weniger der anziehung nachgeben, spürte den sog seines besitzes, unerreichbar wie durch eine dicke glasscheibe. doch es trieb ihn

verzweiflung

zu seinem ein und alles, zu seiner überlebenskapsel. im nebligen schimmer, zwischen den schwaden, ragte der rötliche glanz seines Kristalls.

fleck löste sich aus den schiebenden kraftbahnen und ging, ohne sich auch nur einmal umzuwenden, zurück zum aufzug.

17 muttermal

 

dabei gab es gar keinen 31. november. sie salutierten vor allem, was ihnen groß schien. braun bedeutete leben: ein schrei, der durch die nacht hallte. ein raubvogel, der sich sein opfer riss, um zu überleben. das war überbordendes leben, dachte fleck.

– sommertag: inmitten dieses nebels, der sich schlierenhaft auf ihn legte, wurde ihm sanft zumute. es zerrte ihn fort, es tauchte in ihn. auch hier: das beben. dunkel und kohlrabenschwarz hockten sie im gras. schimpften schnarrend. dennoch betörten sie fleck durch ihre gleichmut. hockten im wintergras und bohrten ihre schnäbel in die hoffnungslosigkeit.

krähen waren immer schrecklich gewesen. als er noch so viel jünger war, fielen greife elegant heraus aus sonnen, nutzten das gegenlicht, ließen sich durch ihr eigenes gewicht herabfallen. stürzten, schlugen, fraßen.

krähen hackten mit schwarzen schnäbeln im gras. seit er nun allerorts schwarze krähen sah, fühlte er zerrüttung, die ihm alles wegfraß. fleck hatte seine heimat endgültig nun verloren.

fleck musste sich einen termin geben lassen. die in ihm heraufquellende schwärze war das klarste zeichen: schwarz oder weiß. es musste sein; die chirurgische abteilung des krankenhauses, jetzt, wo er schon so weit abseits war. alle hatten sie ihn verlassen. so wollte auch er sich endlich auch von seinem besten trennen: von seiner herzlosigkeit.

er entschlief wie ein käfer. in süßen glückvollen traumlosen schlummer: ein wenig traurig war fleck darüber, dass er mit jedem moment ein wenig von seinem kindsein verlor.

 

te puedes vender,

cualquier oferta es buena

si quieres poder.

 

er spürte beim einschlafen das ohrläppchen durchrieselt von einem nervenzittern. es kitzelte, und ein wenig musste er lachen. es lag daran, dass er eine zeitlang zu viel gedacht hatte. jetzt dachte er an den grün glitzernden flügel des glücklichseins: beim aufwachen würde ihm vieles leichter werden.

fleck tauchte seine hände ins schmutzige rosa, verteilte es wie makeup auf seinen schrundigen händen. danach in erdiges braun, in glühendes orange und wieder in schreiendes rot; fleck trug eimer voller blätter nach hause. blätter, teils so spröde, dass er sie zwischen den händen zerreiben konnte. er zerbröselte sie und dickte die brösel mit leim, wasser und seife an; er tunkte blätter ins wasser, löste sie auf, stellte daraus eine klebrige flüssigkeit her, in die er seine hände eintauchte. damit bemalte er sein gesicht, seinen hals, seine schultern. blattspitter bedeckten seine haut.

flecks gesichtsfarbe war kalkweiß. er legte sich für stunden nieder und regte sich nicht.


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